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Neuland
Ein Sammelbuh moderner Profadichtung
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Neuland
Ein Sammelbuch moderner Profadichtung
Herausgegeben
von
Dr, Cãſar Faifchlen
Mit Beiträgen von
Otto Iulius Bierbaum — M. G. Konrad — Anna Eroiffant-Ruf — Mar Dreyer — Franz Evers — Cäſar Flaiſchlen — Hanns von Gumppenberg — War Halbe — Heinrich Hart — Yulius Hart — Otto Eric; Hartleben — Wilhelm Hegeler — Karl Henkell — Peter Hille — Marin JZanitſchek — Detlev von Lilieneron — Zohn Henry Makay — Willy Pafor — Garlot Gottfrid Reuling — Paul Scheerbart — Zohannes Schlaf — Hans Schliepmann — Heinz Tovote
Schlußftüde von Fidus
Berlin Derlag des Dereins der Bücherfreunde 1894
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Das Recht der Überfegung vorbehalten
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Denland
Sammelbuch moderner Profadichtung
Inhalfsüberficht
m. 6. Eonrad — Franken | j Anna-Mia. Aus einer fränkiichen Dorfgeichichte. . . . 19
Cäſar Slaifchlen — Württemberg. Schattenjpiel. Eine Morgenwanderung - .. 22... 109
Mar Halbe — Weftpreußen Fertig! Eine Lebensftudie
Seite —
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Deuland
„— (Neubrud, Rodeland) aus Umrodung von Wald-, Heide oder Aderboden gewonnened Aderland.”
Das vorliegende Sammelbuch bezwedt: einem mei- teren Leſerkreis Gelegenheit zu geben, fich jelbitändig und aus eigener Anjchauung heraus ein Urteil über das Können und Wollen, über die Kunſt und die Runft- beitrebungen unferer modernen deutjchen Dichtung zu bilden, und zwar der modernen Dichtung, die fich fpe- ziell als ſolche bezeichnet und die vor etwa fünfzehn Jahren mit den Schlagworten „Realismus“ und „Natu- ralismus“ gegen den herrichenden Kunſtgeſchmack auftrat und ſich damit als neue Bewegung einleitete.
Bon vornherein ift hiebei zu betonen, daß fie feines- wegs in diefen Momenten ihrer Anfänge jtedfen blieb, jondern fi zu jo vielfachen Wandlungen und Durch- geitaltungen weiterentmwidelte und abflärte, daß von „Realismus“ oder „Naturalismus” heute faum mehr recht die Rede jein kann.
So überftürzend fchnell diefe Wandlungen in den einzelnen Vertretern und in deren Dichtung fich voll- zogen, jo langjam freilich wirkten fie nach außen und auf meitere Kreiſe.
Gerade das aber mag nicht zum menigjten mit Urjache jein, daß die Borjtellungen, die man im großen Publikum mit allem, was moderne Dichtung heißt, ver-
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bindet, im allgemeinen höchſt unflar und verworren find. Sie gründen fich der Hauptjache nach auf die Urteile, zu denen die eriten Waffengänge, die weit über jedes Biel hinausſchoſſen, ſowie die eriten eigenen Verſuche, Die ebenjo weit hinter jedem Biel zurückblieben, Veranlaffung gaben.
Die erwähnten Schlagworte, — die wie alle Schlag- worte ſtets nur in Anführungszeichen gejchrieben, ge- jprochen und veritanden werden jollten — tragen, indem fie Hundert beliebige Ausdeutungen zulaſſen, ebenfalls nicht zu einer Klärung der Begriffe bei. Im Gegenteil! und zu all dem fommen dann noch die Urteile einerjeits von Gemährsmännern, die von Litteratur und Kunſt überhaupt nichts verjtehen, und andererjeits die, oft völlig berechtigten, abweiſenden Äußerungen durchaus ernit zu nehmender Kritiker und Leute vom Fach, eine Menge Polizeiverbote und dergleichen — und jo gipfeln dieſe Bor- jtellungen in dem Schluß: daß es um Ddieje ganze mo- derne Dichtung Höchit zweifelhaft und troſtlos beſtellt jei, daß dieſelbe bisher nicht nur nichts hervorzubringen vermocht habe, das von größerer und Dauernderer Be- deutung geweſen, fondern daß fie auch in ihrem Wollen durchaus verderblich und vermwerflich wäre.
Es ift Hier nicht der Ort, die Berechtigung und Nichtberechtigung all derartiger Meinungen und Urteile abzumägen; es wurde fchon jo oft verjucht, und ohne Erfolg, daß jedes meitere Wort völlig nutzlos wäre. Der vorliegende Band jpricht durch feinen Inhalt, wie ich hoffe, am beiten für fich felbjt, und Härt dadurch vielleicht mehr, als die geiftreichite theoretische Abhand- lung vermöchte.
Daß bei der Auswahl einer Sammlung, Die bon vornherein und zunächlt für einen fo großen, vielföpfigen und bieljinnigen Zejerfreis, wie der des Vereins Der Bücherfreunde, berechnet war, nur jehr Eritifch und mit Sorgfalt zu Werk gegangen werden durfte, liegt auf der Hand. Gemifje Stoffe ſchloſſen fich Dabei ganz von ſelbſt aus.
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Man mag deshalb dem Band vielleicht vorwerfen, daß er ein allzuzahmes Bild zeichne, die Leute feien jonft viel „radikaler“ oder „reaftionärer” — dem gegen- über aber wäre doch wohl zu bemterfen, daß die ganze Bewegung jelbit jchon lang einen ungleich ruhigeren Charakter angenommen hat, als in der erften Zeit ihres „Sturm und Drangs“; daß fich die Mitarbeiter alle zu einer Beteiligung in dieſem Sinn mit Freuden bereit erklärten, und daß der Eigenart des Einzelnen durch die Schranken, die der Zweck des Buches bedingte (falls es überhaupt Schranken waren), nirgendiwie der geringite Eintrag gethan wurde.
Sm Gegenteil: gerade dieſes Moment dürfte ein nicht untejentliches® VBerdienft des Bandes bilden, eben daß er fich ganz von ſelbſt und ohne Zwang in folchen „Schranken“ hält, und fo den ungeheuer jchweren Vor- wurf entfräftet, der mit ebenjo viel Emphafe als Ge— Danfenlofigfeit ohne alle Scheu in die Welt gejchleudert wird: Die ganze moderne Richtung jtrebe nur Rohheit an und Habe nur Freude an Niederem. Daß ein jolcher Vorwurf vielen Ausschreitungen und Gejchmad- Iofigfeiten gegenüber, wie fie von hitzköpfigen Gerne- großen im Namen und auf Rechnung der „Moderne“ zufammengejündigt wurden und werden, völlig am Plate iit, jei gerne zugeltanden. Deshalb aber die ganze Be- wegung, die in ihren ernit zu nehmenden Vertretern Biele anftrebt, die nicht weniger hoch und heilig, als die Biele und Ideale jeder andern Zeit, ohne meiteres in Acht und Bann zu thun, wäre ebenjo verfehrt als un- gerecht. Und wenn Einzelne von ihnen Konflikte, Dinge und Buftände zur Sprache bringen, die keineswegs be- jonders jchön und erbaulich fein mögen, jo ift daran zu erinnern, daß dies nicht bloß das gute Recht, fondern daß dies fogar die Pflicht eines Dichters iſt, wenn er mehr will, als feinem Bolfe nur zierliche Reime vor- künſteln und Mondfcheingefchichten erzählen. Und es iſt weiter daran zu erinnern, daß ſowohl Lefjing als Goethe
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und Schiller in vielen ihrer Dichtungen Dinge genug zur Sprache brachten, die für ihre Beit ebenjo wenig erbaulich waren.
Was insbejondere nun das vorliegende Sammel- werk anbetrifft, jo bat dasſelbe mit irgend einem An- griff auf irgend eine „alte Kunft“ nicht das Geringſte zu thun; es joll und will nichts anderes, wie gejagt, als einem weiteren Xejefreiß einmal ein eigene Urteil über ein Stück moderner Dichtung und deren augen- blickliche Entwicklungsphaſe ermöglichen.
Der Band enthält vierzig Beiträge von dreiund— zwanzig Autoren. Er wurde weſentlich ſtärker, als urſprünglich geplant war, und hätte leicht zum doppelten Umfang ausgeſtaltet werden können, wenn nicht auch hier Grenzen geboten geweſen wären. Es erſchien dem Herausgeber ſowohl als auch den Verlegern zweck— entſprechender, lieber weniger Autoren aufzuführen und dieſen größeren Raum und ſomit eine freiere Entfaltung ihres Schaffens zu geſtatten, als deren Zahl auf ein Doppeltes zu erhöhen und jo von jedem nur ein kurzes Bruchwerf bringen zu fünnen. Ye nach Aufnahme des Bandes wird ein zweiter dies auszugleichen fuchen.
Aus Ähnlichen und andern Erwägungen heraus wurde auch die Auswahl nicht lediglich auf Original- beiträge bejchränft, obgleich ſolche ſelbſtverſtändlich in eriter Linie in Betracht famen. Ein guter, wenn auch ſchon gedrucdter Beitrag erjchien für die Sammlung ungleich wertvoller, als ein anderer, der vielleicht minder eigenartig gemwejen und nur den Ruhm: ungedruct zu fein für fich gehabt hätte. Dennoch find unter den vierzig Beiträgen nur neun fchon früher gedruckte.
In der AInhaltsüberficht wurde bei den einzelnen Autoren deren Stammeszugehörigfeit bemerkt. ch Halte dies für um jo wiſſens- und beachtensmwerter, als noch zu feiner Zeit in unferer Litteratur fich eine jolche Fülle verjchiedener Stammeseigentümlichkeiten geltend machte. Ein jeder der dreiundzwanzig Autoren bringt ein Stüd
Heimat in jeine Dichtung, ſowohl in Bezug auf feine Sprache, al3 auch in Bezug auf jeine ganze Weltanschauung; und ein intimes Verſtändnis der verjchiedenen Beiträge ergiebt fich erft, wenn man diejelben gleichzeitig auch unter diefem Gefichtspunft auf fich wirken läßt. Wie die ein- zelne heimatliche Mundart ein fteter Jungbrunnen bleibt, aus dem unferer hochdeutichen Schriftiprache immer neues Leben zuquillt, jo bleibt auch die engere Heimat mit ihrer Stammeßeigenart der jtete Nährboden, aus dem fi) unjer ganzer deutſcher Volkscharakter zu immer neuer Kraft, zu immer reicheren Entfaltungen und zu immer vieljeitigerer Einheit emporgeftaltet. Momente, die bisher noch nie fo hervortraten, die mit „Partiku— larismus“ und dergleichen nichts zu jchaffen haben, Die jedoch für eine jpätere Litteraturgejchichte zmeifellos zum Ausgangspunkt ganz neuer Forjchungen werden dürften. Für die Bewegung der modernen Dichtung felbft aber erhellt daraus, daß es fich dabei keineswegs nur um ein „Berliner Großſtadtprodukt“ Handelt, wie man wohl jagen Hört, jondern daß es ſich — in Kunſt und Leben — ganz gleichzeitig in allen Teilen Deutſchlands frühlingsfroh einem Anderen, Neuen entgegenregt.
Berlin, Ende März 1894
Dr. Cäſar Flaiſchlen
ELLI
Otto Julius Bierbaum
Die £avendel-Ehe — Die rote Sphing — Im Kahne — Das Madei
Die Tavendel-Ehe
Die war Klein und jchmächtig und hatte ganz hell- blaue Augen, jo hellblau, wie an VBorfrühlingsabenden manchmal der Himmel iſt, — viel Sehnſucht ift in jolhem Blau. Und eine zage Stimme hatte fie, richtig noch die Stimme eines Kleinen Mädchens, das jo fchrec- liche Angit vorm Herren Schulfehrer hat und doch fo artig ift, — eigentlich zu artig. Und ihre Bewegungen waren gleitend, unhörbar beinahe, wie wenn fie immer fürchtete, jemanden zu jtören. Sanft jchmiegte fich ihr in zwei glatten Scheitelhälften ajchblonde® Haar um Stirn und Schläfe. Regelmäßig war ihr Geficht, ein flares, deutſches Gretchenantlig mit viel Gemütshauch, der fich nicht ſchildern läßt, und mit mwenig fcharf iprechendem Geift, den man aber nicht vermißt bei jochen Engelsföpfen. Ihr Augenaufichlag war das Merf- würdigſte an ihr, — mie ein in den Himmel gerichtetes Gebet voll taufend Ach’3 der Demut fah er aus. Ahr Großvater hatte das Richtige mit ihr getroffen: „Kleines, liebes, dDummes Beilchen“ nannte er fie biß zu ihrem
Neuland, heraudgeg. v. €. Flaiſchlen 1
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fünfzehnten Jahre, dann „Fräulein Veilchen“ und jchließ- lich „Madame la Violette“, ala fie geheiratet worden war. Ja: worden war, denn fie hätte es ſich Doch gewiß nie unterjtanden, ihn zu heiraten, ihn, den „jungen Meifter“, den alle bewunderten, dem die Welt Taujchte und den fie anbetete. Aber er Hatte fie geheiratet, wirklich — ja, wie war denn das möglich!?
Sie hatte es faum begriffen.
Er hatte — fie geheiratet!
Wie ein Gnadenſtrom vom Himmel war es über fie gefommen, als er fie eines abends gefragt hatte, ob fie jeine Frau werden wolle. Sprechen darauf? „Ya“ jagen? Oh, ob: fie hatte nur gemeint und war hinaus- gerannt aus dem Zimmer, in die Küche hinaus, fie, in ihrem Spibenfleide, zur diden Refi, die fie ſonſt faum jah, und Hatte gejchluchzt und gejauchzt. Und wirklich, er hatte um fie angehalten, und Papa, der Herr Pro— feffor, Hatte nichts Dagegen, denn e3 war ja ein großer Künftler, und fie, fie betete ihn ja an. Man brauchte fie gar nicht zu fragen.
Schon ehe fie ihn perjünlich kannte, hatte jie ihn angebetet, da fie jeine Stüde jpielte, und nichts als feine Stüde, und immer fein Bildnis auf dem Titel- blatte anjah, diejes fcharfe Südländergeficht mit den in die Stirn hereincollenden jchwarzen Loden, der kühn gebogenen Naje, den vollen Lippen und Dem dunkel glutenden Auge.
Nun war fie jeine Fran.
Seine Frau. Aber nein doch, — jeine Frau!? Ach, fie konnte fich nicht Hineinfinden, die Arme.
Schon am Hochzeitstage: Immer von unten jah fie zu ihm hinauf, voller Anbetung, und wie Nonnen- glut flammte es in ihrem Auge.
„Wie gehts, Madame la Biolette?* fragte fie der Großvater beim Hochzeitsdiner, al3 er fie einen Augen- blick allein fand.
„Ach! Großpapa!“ Und wieder weinte fie, heiß, heiß.
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„Aber Veilchen, Veilchen! Mein kleines, ſüßes, dummes Veilchen! Sei doch geſcheit. Du weißt, du biſt jetzt Madame la Violette, und da mußt du halt vernünftig ſein, Veigerl du, kleins!“
„Ach, Großpapa!“
„Du, du, du: Nimm dich zuſammen. So geht's nit, wenn die Veilchen heiraten. Riſch und friſch! Ja, wo fehlt's denn? Du haſt ihn doch lieb?“
„Ach, ſo ſehr!“
„Na, ſiehſt du. Munter alſo, munter mein Veilchen. Sei luſtig und blüh' ihm an die Bruſt, — aber nicht jo weinerlich, ſonſt gehſt mir no’ ganz ausanand, und mehr reden mußt auch, mehr reden, nit bloß ihn alle- weil’ anjchaun.“
Und dann war er wieder gefommen, der Große, Gebietende, Schwarze, mit den Genieaugen.
„Sie ift halt noch a bisl ängftlich, das Beilchen,“ jagte ihm leife der Großvater.
Das Genie nidte träumerijch mit dem Kopfe.
Sn ihrem Herzen aber ging der Spruch: Blüh’ ihm an die Bruft!
Sa, das, das mwollte fie: wie ein junger Epheu am Götterbilde, weich, zärtlich, umranfend.
Und es behagte ihm dieſe ftille Anbetung mohl. Mit lautloſen Schritten ging die Liebe durch jein Haus, Blumen jtreuend umjchritt fie leichtfüßig einen Altar, und er war der Gott, der darauf ftand.
Ab, jo läßt fich’3 ſchaffen! Nach jedem Akkord danf- leuchtende Augen und für jede Wallung des Herzens weiche Hingabe. Das war ein Hinwandeln auf duftendem Moos, unter blauem Himmel, zmwijchen lauter ſüß duftenden Sasminen. — Und er fchuf eine Symphonie: Beilchen. Dh, ein Schaffen aus dem Glück. Aus einer jchweben- den Wolfe weicher Seligkeiten warf er feine Harmonien herab in die rauhe Welt, die nur ein Vorhof feiner Wonnen war, er, der felige Gott, angebetet von ber Liebe jelber. Und ihr Herz war voll der Wonne der
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Anbetung und Begnadung. So immerfort in alle Emig- feit, in alle Ewigkeit auf den Knien, den Blick nach oben, übergofien von Gnadenjtrömen.
Und die Symphonie war fertig. Freunde hörten fie.
„Bu weich, lieber Freund. Wo ift dein Schwung hin, deine Feuergarben von Tönen, die in die Hölle und in die Herzen zuden? Du verfommft in lauter Mol und Süßholz.“ j
überall dasſelbe:
„Befinne dich auf deine Kraft! Leidenſchaft ift deine Stärfe! Schreibft du denn für Liedertafeln? Raffe dich auf, Freund, du bift nahe, Philifter zu werden.“
Philifter?
Ya, freilich, recht bejehn, war dieje Weichheit, diefe mwollüftig parfümierte Muſik, ihm doch fremd. Nichts ala Idylle und Schafichur, und die große Kühnheit fehlte. Und es grub fih in feine Seele die Sehnjucht nach neuer Rajerei, wie fie feine alte Art gemejen war, und er ging wilden Tönen nach und ftürmifchen Phantafien. Meg da dieſe ewige Gemütlichkeit!
Aber wie auf weichen Bantoffeln zug da fortwährend etwas Hinter ihm ber.
„Rofa, laß’ doch endlich dein ewiges Schmachten! Schleich” nicht fo. Es macht mich nervös, dies emige Anſchaun.“
„Robert!“
„Aber jo verſteh' mich doch! Ich vertrage Die ervige Weichheit nicht. Wir verfilzen ung noch in lauter Liebe und Langermeile.“
Sie erichraf vor der Brutalität diejer Worte, und ein eriter Schmerz blinkte in ihrem Auge.
„Herrgott, Haft du denn gar feine Glut in dir? Glut, heißes, braufendes Leben, Leidenschaft? Ach, Diejes ewige Schmelzen!“
Er rafte fi) aus auf dem Klavier. Schmweigend in einer Ede laujchte fie.
Er Happte den Flügel laut zu und ging. Kein Adien.
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Es ward ihr bange. Aber nein, nein! Wie hatten diefe Akkorde wieder ihr Herz ergriffen. Sein Genie, ja jein Genie! Alles andere verjant. OH, diefer große Mann, diejer große, große Mann.
„Blühe an feine Bruft! — Kann ich denn mehr?“
Erſt ſpät fam er wieder. Er jah jo wirr auß.
„Robert!“
„Laß mich!“
Sie konnte die ganze Nacht nicht jchlafen. Was hat er nur? Was foll ich thun?
Und am nächiten Tage begann fie wieder ihre ſchweigende Anbetung, und je mehr er fich einwühlte in die Leidenjchaft jeines Innern und es in braujende Harmonien ſtrömte, um jo mächtiger fühlte fie die Größe jeiner künſtleriſchen Mannheit, und um jo brünjtiger hing fie ihm an in ihrer mwortelofen, duldenden Ber- ehrung. Uber er entfernte fich weiter und weiter von ihr, und fie wurde ihm ein läftiger Weihrauchduft.
Mehrfach verfuchte er, fie zu „wecken“.
„ab, nicht? mit dieſem — Beilchen!”
Und fie durfte nicht mehr in jeinem Zimmer fein, wenn er phantafierte und jchrieb, und war er feines Schaffen® müde, jo fuchte er fich Erholung draußen, — wer weiß imo.
Sie fühlte, daß feine Liebe jchwand, aber ihre Verehrung bejann fich nicht auf das, was feine Liebe wieder hätte gewinnen fünnen.
Sie war nur gejchaffen, ftil an jeine Bruft zu blühen, wie ein Epheu an ein Götterbild, und er wollte ein Weib ftatt einer Blume.
„Iſt Madame la Biolette nicht glüclich?“ fragte der Großvater.
„Slüklih...?.. Oh ... doch . . . Großpapa!“
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Die rofe Sphinx Binter-Frühlingsftimmung
Draußen drückt der Winter auf den Garten. Alle Wipfel ſtehen ſtill, ſtarr, ſchwarz. Es hat noch keinen Schnee gegeben. Nur harter Froſt ſchneidet die Luft, und es fallen blinkende Kryſtalle.
Das iſt ſo eigen: Dieſes Bild, wie alles kahl und kalt, müd und alt daſteht, geduckt unter einer ſtummen, unabwendlichen Macht, dieſes Bild überkältet mein Herz und giebt mir ein greiſenhaftes Fühlen. So eine munder- liche, unjugendliche Ruhe, jo einen harmonijchen Herz ichlag, pulslinde, gemefjen, getragen beinahe, und ich fönnte mir einbilden, daß ich mweiße, dünne Haare Hätte und Hände mit faltiger, weicher, Dünnpergamentener Haut, unter der ich die Knochen kalt anfühlen.
Herrgott, ich begreife da® Wort „beichaulich“! Wirk- ch! „Auf die Poſtille gebückt, zur Seite des märmen- den Ofens, ſaß der...“
Da ſchwankt ein Wipfel drüben. Eine junge Birke iſt's. Kein Baum ift wie diefer fo voller keuſcher Seele, jo mädchenzart. Drum fchmiegt er fich auch jo den Winden, drum zittert auch jo fein Laub, fein helles, zages, wenn der rote Herbit ing Hifthorn ftößt, der nehmende, fruchtheifchende Mann.
Die Birke. Hin und Her, hin und her im Winter- winde. Und das Silber ihres Stämmchens ift grau geworden.
ALS die Margueriten ihren Stamm umblühten ...... ! Ein weiter Kranz von flodigen Sternen war's, jchön bogenrund, wie Hingefät in berechnendem Armwurf ... Wir nannten ihn „unfrer lieben Frawen Birke Heiligen- ſchein“. ..
Ach ja, da war Frühling ..... !
Mie jchön der Garten Damals, die ganze Erde wie ſchön!
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Einmal ſah ich ein nadtes Amorbübchen die Birke binaufflettern. Himmel, wie glänzten die rofigen Hinter- bädchen in der Frühlingsfonne! Und ein leifer Wind legte jeine blauen Falterflügell um. Willft du mohl, Kletterbub! Und bich! flog das Gottchen aus dem grünen Laube in die blaue Luft, richtig wie ein Spatz auffliegt.
Jaja, der Frühling:
Es iſt ein Reihen gefchlungen,
Ein Reihen auf dem grünen Plan, Und ijt ein Lied geſungen,
Das hebt mit Sehnen ar,
Mit Sehnen alfo fühe,
Daß Weinen fih mit Laden paart; Hebt, hebt im Tanz die Füße
Auf Ienzelihe Art!
Und durch den grünen Mai flog ihr rotes Haar, flog wie ein Schleier im Kreije um den filbernen Birfen- ftamm, und ich höre noch ihre Stimme, die wie ferner Glockenwiderhall war, im wunderlichen Liede:
Aus dem Roſenſtocke Ich hörte ſie ſingen Vom Grabe des Chriſt In mailichter Nacht, Eine ſchwarze Laute Da bin ich zur Liebe Gebauet iſt; In Schmerzen erwacht, Der wurden grüne Reben Da wurde meinem Leben Zu Saiten Die Sehnſucht
Gegeben. Gegeben.
O wehe du, wie ſelig ſang, O wehe du, wie ſelig ſang, So erosſüß, jo jeſusbang So jeſusſüß, ſo erosbang
Die ſchwarze Roſenlaute. Die ſchwarze Roſenlaute. Das war die „rote Sphinx“, die jo jang. Die rote Sphine.... In diefem Liede — mer
weiß, wer es ihr geträumt; ich glaube, daß fie es fich jelber gefügt hat aus Ahnen und Sehnſucht — war ihr ganzes Weſen.
Nonne war fie halb, und halb Bacchantin. Mon- ftranz und Korybantenbecken gaben wir ihr ins Wappen.
Unſer Heiner Präraphaelit — er ift nun auch ge- icheit geworden und Hat ſogar den „Michel vierter Ver- dünnung” erhalten; Gott laffe ihm die Würdelaft leicht
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jein — hat es gemalt. Es war in der Herzform des Lindenblattes, das heraldijch in drei Felder geteilt war. Im linken Felde oben war die goldene Monjtranz, gehalten von zwei blühriefelmeißen jchmalen Händen, von denen weißfeidene Ärmel in fteinftarren Falten «fielen. Daneben im rechten Felde zwei nacdte, volle, rötlich” überhaudhte Arme (wie wenn der Widerfchein eine Pokals voll dunfelroten Weines auf fie fiele), in deren niedlichen, feiten Händen die filbernen Becken wirbelten. Hinter dem Golde des linken Feldes war Silber, Hinter dem Silber des rechten Feldes mar Gold, — Sehr unheraldijch das, aber jehr ſchön. Unten aber im SHauptfelde lag fie, lag fie al® zarte Sphinx mit dem Xeibe einer jungen Löwin, mit ihrem brenn- roten Haar, mit ihren grünen Augen, in denen ein Tiefton von gelb drohte. Hinter ihr war blaue, be- ftirnte Nacht, weit ausgewölbt in ſchweigende Unendlich- feit; zur Linfen wuchs ihr eine mondlichtweiße Lilie, zur Rechten flammte eine dunfelrote auf; beide jteif und jteil und mit ftahlblauen Blättern wie fcharfe Schwerter.
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Wir ſahen ſie nicht gar oft. Sie war nur Gaſt in unſerm Kreiſe, den wir die „Tafelrunde ohne Tafel“ nannten, weil wir nicht immer was zu eſſen hatten.
Sie hatte einen Franken Onkel zu pflegen, der mit dem gräßlichen Egoismus des langjam Sterbenden ihre Jugend an fein Siechbett feſſelte. Mitten in der Stadt ſtand dag ewig dunkle Haus, in dem fie wohnten. Das Krankenzimmer war ftet3 im Dämmer; niemal3 ließen offene Fenſter Luft in den ftidigen Raum; an den Wänden hingen alte verjtaubte Bilder. Ewig ftöhnend lag der mürrifche, graue Kranfe im Bett; feine einzige Beivegung war das Zittern feiner Inochigen Hände auf der dunfelroten Bettdede.
Dort mußte fie weilen, Tag für Tag, und durfte
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nur fort, wenn der Alte ſchlief, und mußte ſtundenlang aus alten Büchern vorleſen, ſchaurig romantiſche Ge— ſchichten voll lächerlichem Pathos und weinerlicher Senti- mentalität, und die abgeſchmackteſten Stellen wollte der halb idiotiſche Kranke immer zehnmal haben.
Sie trug dies Leben ohne Klage, fie lehnte, ftreng und doch mit innerlicher Bitte, jedes Mitleid ab. Gie fam zu ung, in unjern wilden Kreis, wo ein jeder am liebften mit den Sternen jongliert hätte, und mo köſt— licher Aberwiß in Hyperbeln und PBaradoren tollte, „auf Ferien“, wie jie ſagte. Da mollte fie nichts wiſſen von der Krankenſtube, in der — fie ftarb. Denn fie wußte ed, fie fühlte eg mit greller Gemißheit, dort würde jie vergehen, bald, jchnell. Der Sterbende hatte fie in feinem Bann, ber Sterbende, den fie nicht liebte, während . . . O, wir fonnten nur ahnen, wie tief Die Tragif diejer gelähmten Jugend war, denn nur in jeltenen Andeutungen erfuhren wir etwas von ihr.
Da war ein Bild, von dem fie ung einmal ſprach, ein Traumbild: Blendendes Frühlicht des Frühlings über einer blumigen Wieje; gligernder Tau an allen bunten Kelchen; unendlich weit der Blick bis zu hoben, blauen Bergen; wolkenlos, wundertiefblau, jubelblau, jo fagte fie, der Himmel. Nur da, aus ferniter Ferne, langfam, ſchwül heran, eine dicke ſchwarze, gelbgeäderte Wolfe. Und mitten im Blühen, in Luſt und Leben, ein Mädchen, jugendrot, weit offen die Augen zu der ſchwülen, fommenden Wolfe, und über ihr, aus der friichen Bläue der Luft heraus eine gelbgraue beinene Hand, von der es blutrot auf den Scheitel der Starren herunter- EDUHE % 22. 2, 5 „Malen könnt ihr das freilich nicht,“ fügte fie Hinzu, „denn die ſchwarze Wolfe müßte ein Geficht haben, wie ein Menfch.“ Und fie wandte fi ab, wie von einem grauenhaften Efel erfaßt.
Sie mußte furchtbar leiden, das fahen wir oft. Es war ein unaufhörlicher Kampf in ihr, ihr Leben zuekte unter den Wiürgegriffen eines Berhängnijjes, Hinter
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deſſen letzte Geheimniſſe wir nicht gekommen ſind. Wir konnten es nur äußerlich wahrnehmen.
Bis ins Tiefſte ergriff es uns oft, wie ihr Weſen jäh umſchlug: aus einer jauchzenden, ſtürmiſchen, tanz- rhythmiſchen Luſtigkeit in beklommenes Inſichſinken, daß ſie wie eine Somnambule ward, deren Seele im Wachſchlaf die große Leidensgeſchichte von Golgatha herzblutend in ſich wiedererlebt.
Zwei Menſchen ſahen wir da oft in einem, zwei ganz verfchiedene Menjchen: ein lebenverliebtes Gejchöpf, rot von Luſt und Tanz; mit Augen, die fonnig hell und tief waren, wie beim erſten Kuſſe der Braut; mit einer Stimme voll blutwarmer Tiefe, beglückend und beglückt und von einem ftarfen, ftrömenden Atem getragen, wie von erſtem, äftehebendem Frühlingsmwind; die Bewegungen ein Schreitetanz, Berge hinauf, fröhlich, ausgelafien, fraftherrlih, — und dann . . .: eine Müde, innerlichft Berwundete, eine Vermelfende, Flehende: laßt mich, laßt mich allein, laßt mich am Wegrande liegen „ . und beten ... und fterben . . . Ihr Geficht war dann grün- (ich blaß, ihr Auge tief eingefunfen, ftumpf, ihre Stimme zage und gebrochen, der Atem matt verhauchend, der Gang ein mühjames Schleppen.
Aber auch um diefe Müde, VBerendende war eine Atmoſphäre von bannender Macht, von unmiderftehlicher Anziehungskraft. An ihrem UÜbermut freuten wir un, ihre helle Freude nahmen mir wie die fKöftliche Gabe de3 jungen Frühlings, — ihr tiefes Müdejein Tiebten wir, ihre Qual beteten wir an, wie ein großes, wunder— bares Symbol.
Nur einer unter ung, der einzige Nichtfünftler, ein junger Arzt, cynijch bis zum Unerträglichen, aber ehr- ih in feiner jchnellfertigen Kraftitoffelei, warnte: „Jungens, dag Mädel ift ein Unglück! Sie macht euch allemit'nander zu Leichenbittern. Stigmatifiert ſeid ihr allemit'nander. Verdammt noch mal: fogar die Gefund- beit ift bei der Roten frank!“
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Sa, fie litt wohl ſchwer am Leben, meil fie nicht die Kraft Hatte, es gering zu jchägen, wie e3 manche Kranfe fo gut verſtehen.
Gie wollte, wollte, wollte leben und glücklich fein, gejund fein.
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Unſer cyniſcher Medizinmann brachte ung eines Tages die Nachricht: Sie iſt tot.
Er hatte fie, zu ſpät gerufen, im Lehnſtuhl zu- jammengejunfen gefunden, auf dem Schoße ein altes Buch. Der Kranke hatte ununterbrochen auf fie ge- holten, in unverftändlichen Redensarten. —
Ganz in Weiß gekleidet lag fie da, die fchmalen Hände über der Bruft gefaltet. Die roten Haare flofjen jo hart und tot die Sargmände entlang. Der Aus- druck ihres Gefichtes war ftreng und weh. Das Nonnen- bafte an ihr Hatte der Tod gefteigert.
Mir aber jchien es, als habe der Tod uns nur die Nonne genommen, die nun da läge im toten Gebete, aber plötzlich würde ſich aus ihr die Lebfreudige er- heben, ſtrack fich aufrichten im Sarge und laut, laut, laut wie filbernes Freiheitsgeläute lachen, hinauslachen in den Frühling: „Sch bin gejund, meine Freunde, ich habe mich gefunden und lebe nun in heller Liebe und aller. Hoffnung! Seht, meine Augen find blau geworden wie der lichte Himmel und meine Wangen rot wie Apfelbluft; nun jollt ihr euch mit mir freuen und tanzen in alle Emigfeit um die junge Birke und ein Loblied fingen dem lichten Leben! Denn Krankheit, Not, Bang- heit und Tod, alles was dumpf und häßlich ift, — oh, das it nur Traum und träger Irrtum! Jung find wir und gejund und fchön und voller Kraft, und in Liebe und Zuverficht wollen wir ein neues Leben grün- den der grauen Welt!" —
Das war wohl der Frühling, der mich fo ſchwärmen
Aue, SED,
ließ, der junge, preisliche Held mit dem grünen PBanier, der lachend über die Erde fchritt, ala wir fie der Erde gaben. Ya, der Frühling war’3 wohl, aber ich weiß: mas
er mir eingab, fam aus ihrer Seele, und es joll mir ein Vermächtnis jein.
Es ift ein Reihen gefchlungen,
Ein Reihen auf dem grünen Plan,
Und ift ein Lied gefungen,
Das hebt mit Sehnen an,
Mit Sehnen alſo ſüße,
Daß Weinen fih mit Lachen paart,
Hebt, hebt im Tanz die Füße
Auf leuzelihe Art!
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Im Rahme
Zwiſchen gelben Glocken und blauen Blütenhelmen fuhr ich ins grüne Schilf, raſchelnd, mit meinem Kahn, und ließ mir erzählen.
Es ſprach zu mir der Himmel ſo ſehnſuchtweit, ſo feierlich: nur von der Sonne und ihrem goldenen Leben in Glut und ewiger Reife.
Und das Schilf ſchwatzte dazu, wichtig die grünen Finger erhebend: viele, viele Gejchichten von kleinem, furzem, kümmerlichem Glüde, aber dem Schwatzeſchilfe ichienen fie jehr bedeutfam, dieſe Gefchichten, und auch die gelben Glocken und die blauen Blütenhelme waren dieſer Meinung. Es bimmelten die einen und nicten die andern: „Jawohll Jawohl!“ — „So iſt's! So iſt's!“ „Ei ja!" — „Wunderfchön ift die Welt!“
Burrr! Da kam eine Hummel geflogen, proßgig im didljten Pelze, ob es jchon glühheißer Sommer war, und ängftlich, fteif, jtill, ftarr jtanden Helme und Glocken und Schilf. Kein Laut. Ganz ftill.
D ihr Bangemeier!
Die dicke Hummel jegte fich auf eine weiße Dolde, jo, wie fich ein alter, dicker Brofefior auf den Katheder- ftuhl ſetzt So! Hm! Da bin ich!
ne
Dann fchlief fie ein.
Und leiſe hob fich das Flüftern wieder. Wellen- gligerchen im Waſſer ſchwatzten mit. Grüngolden jchien durch's Schilf die liebe Sonne.
D du meites, ſeliges Glück, zu atmen und zu ichauen! Friede, Friede in Ewigkeit! Glück und Glanz und Glorienjchein! Heilig atmet die Welt...
Da tanzten drei ſchwarze Libellen über dag Schilf; leis fnijterten die harten Dedel ihrer Schillerflügel im Surretanze, und allſogleich war alle® wieder er- ſchrocken ftille.
Wie? Wie? Zu mir jchwingt fich der ſchwarze Tanz? Um Gott! Um Gott! Mich padte entjegte Angit.
Die Ruder jegte ich eilend ein und floh und floh über’3 Wellenblau: Die drei! Die dreil Die fchwarzen drei!
Doch wie ich auch Fräftig die Wellen fchlug, fie famen mir nad), fie blieben mir nah, umtanzend fich, umtanzend mid).
Sch fuhr und fuhr und wurde nicht frei; ich jchloß die Augen, ich ließ mich dem Strom; im rajenden Sturze bergunter ging's; und immer ſah ich die jchwarzen drei, umtanzend fich, umtanzend mich.
Da griff ih um mich in wilder Wut, und wollte fie fangen und fchlug und jchlug: Da mehrten fie fich millionenfach; ſchwarz murde die Welt, der Himmel ſchwarz; der jchredliche Tanz umkniſterte mich wie un- geheuerer Steppenbrand.......
Da mwachte ich auf im grünen Scilf.
Leiſe ſchwankte mein weißer Kahn; ferne über dem graugrünen Spiele der zitternden Spiten des Schilfes ichwebten, Punkte nur, die drei Libellchen.
Und die gelben Gloden bimmelten wieder, und es tujchelten aufs neue die blauen Blüten, und es jchwaßte wieder glüdlich das biegefreudige Schilf, — und ich dachte mir meinen Teil.
2%
u A
Das Madei Eine Grabrede
Nun ſind ſie fort, die paar Traurigen, die dich gekannt haben, Madei, und die dich hier heraus ge— bracht haben, wirklich in Trauer, wenn ſie auch nicht alle ſchwarze Röcke anhatten. Du weißt ja, Madei:
Bratenrock, o wehe,
Ein Wort, das ich nicht verſtehe, Ein Wort, erhaben, feierlich Und furchtbar pfandverleiherlich.
Nein, du kennſt die braven Jungen in den ab— geſchabten Jacketts und den breiten, ein bißchen glän— zigen Hüten, und du biſt ihnen nicht böſe, daß ihre pompes funèbres nicht erſter Klaſſe waren. Ihre Herzen ſind erſter Klaſſe.
Warum bin ich doch bei dir geblieben hier draußen? Du, Madei, ich glaube, weil ich mich freue, daß du ſo— gar im Tode noch von Frühlings Gnaden biſt. Du fühlſt ihn doch, den wunderbaren, friſchen, fröhlichen Frühlingstag, der über dem Friedhof liegt? Ach, ob du ihn fühlſt! Wer ſo wie du im Leben begabt war, frühlingsglücklich zu ſein, der muß auch im Tode ſeine Luſt am Lenze haben.
Im Tode?
Weißt du, Madei, mir iſt gar nicht, als ob du tot wärſt. Nein, du biſt mir vielmehr ſo nahe, ſo lebendig nahe, wie nie vordem. Ich ſehe dich nicht, aber ich fühle dich ſo eigen deutlich, wie wenn ich ganz von dir umſchloſſen wäre, wie wenn dein Weſen hier in jedem Lufthauch bebte, in jedem Blatte auf- und niederjchaufelte, ſchwebte in jeder Fliederblütentraube und in allen den VBogelfehlen jänge, die rundherum bier fröhlich find.
Nicht tot, Madei, nein: nicht tot! D du herz berzlieber Gejelle von einem Mädel, du munderguter, lieber Kerl!
u. I: 2
Fest kann ich dir ja jagen, wie köſtlich du bift, was für ein jelten Ding auf diefer Simili-Welt, du in deiner Klaren Echtheit, mit Deinem jchnellen, lichten Herzen, das heller und heißer fühlte, als es die Art der verdumpften Menichen heute ift.
Wie haft du alles glücklich gemacht, was in deine Nähe fam, überſonnt alles, alles in Duft und Frische gethan!
Bor allem ihn ...
O, er hat es mir oft erzählt, und feine blauen Augen wurden tief vor Glüd dabei; du weißt ja Mabdei, wie jchön fie dann waren; man jah hinein durch fie in feine Seele und jah eine weite ſchöne Welt, darin Die Sonne da3 braune Madei war.
Er Hat mir fein Glück in dir jo oft erzählt, daß ih mir einbilde, es miterlebt zu haben, daß ich es wirk— lih in mir trage, wie ein großes Froh- und Freigefühl. Dir bat er es nicht jo oft gejagt, ich weiß es, denn ed jchien ihm unmöglich, gerade dir zu jagen, wie jonnig er dich fühlte. Und es war wohl auch nicht nötig, daß er dir’3 ſagte, — gelt Madei? Aber heute, da du zum Frühlingsweben geworden bijt, da dein Wejen nun durch alles Leben ftrömt, und du mir fo nahe bijt innerlich und äußerlich, heute will ich Dir mwiedererzählen, was er zu mir gefprochen hat in ver- trauten Stunden, und du follit wiederum vernehmen, Daß du ihm das Glück gemwejen bit. Ach Habe noch jeinen erjten Brief, den er mir über Dich jchrieb, den eriten Madeibrief. Wie wundernärrijch glüclich der zu lejen war. „Cito, eito, eito, fchnell: ich habe das Madei gefunden, mein Madei. Bums! fuhr aus blauem Himmel ein goldener Meteor in mein Herz, ziichte mit feiner Glühe alles weg, was welf und frank darin,
und ich war verliebt. Rot der Rod und das Mieder blau, Madei, du bijt meine liebe Frau, Schau doch in Runde und Weite: Grün ijt der Haber, das Korn wie Gold, Hurrad, und Zwei'n ijt die Liebe Hold! Madei, ih fomme zur Freite! ...“
u, Ib =
Klug bin ich aus dem Briefe nicht geworden und auch aus den nächiten zehn anderen nicht. Er jchrieb ja jchließlich bloß noch in Ausrufezeichen. Nur eins merkte ich, das Madei Hatte ihn feit und Hold in aller- liebften Banden. Das „Madei“. „Man Tann auch Mädi jagen,” fchrieb er, „aber mein Herz jagt Madei. Was doch die Bauern hierzulande für eine wunderbare Sprache Haben. Kommt dir nicht auch „Mädel“ da- gegen ganz infam vor? Uber freilich, du mußt das Madei erſt jehen, um in diefer linguiftifchen Frage mit- reden zu fünnen, Menjch in der fteinernen Stadt.“ —_
Ach, Madei, feine Briefe aus jener Zeit find mir jo lieb; denn nicht bloß er ftect darin, fondern auch du, und mit euch beiden das lachende Glück. Ich kann fie allefamt ausmendig.
Freilich, al ich Dich felber jah, da mußte ich erſt recht, was Madei heißt.
Sp bald wurde uns das Glück nicht. Zange, lange mollte er dich ganz alleine haben, da droben im Ge— birg, wo ihr den wunderbaren Lenz eurer Liebe Durch Frühling, Sommer, Herbit und Winter lebtet, in Fähr— lichkeiten und Hinderniffen, beneidet, belauert, Hintan- gehalten, getrennt, — bis er dich endlich ung brachte und einziehen ließ feine Königin in die gute Stadt München.
Madei, du Kleines tapferes Madei, was Haft du da durchgemacht, als du in jchneeftiebendem Winter- morgen durch Dunkel und Sturm davongegangen bit, Hinter dir laſſend alles, was dein Herz hindern wollte, dorthin zu fchlagen, wo fein Glück war, alles das Dumme, Berhodte, VBerniftete, Kleinliche, Häßliche, Böfe, das fi) dir in dem bieder dummen Vormund ver- förperte, der wirklich nicht wußte, mas feine Pflicht war. So Haft du ihn denn belehrt, und fiehe, er jah ſchließ— lih ein, was für ein herzgeſcheites Madei du mwarft.
Aber damals, weißt du noch, die Angft und große Not in München, und wie du dich bei unferer guten
=, IT a
Frau Arma verdingen mußteft, um der Reputation willen, du rejpeftierliche® Madei, — ja, und dann das Warten, das Warten, bis es endlich jo mweit wäre, daß ihr euch ganz haben fünntet, ganz und vor aller Welt... eine böje Zeit! Aber die Sonne deiner Zuverficht ging nicht unter, und nicht unter ging euer Glüd, denn eure Liebe ftand ja am Himmel eurer Herzen.
Siehft du, Madei, in der Zeit hab’ ich dich fo ganz liebgewonnen, weil in dir das Seltene fich zeigte: Das feite, jtolze, große Ganzjein, das unbeirrliche Slaubensgefühl an einen großen Lebenginhalt, außer dem dir alles andere gleichgiltig erſchien. Du Kleines Madei warft wirklich groß. Und das Wunderfchöne daran war, daß du alles als Glück empfandeft. Alles Widernis, alles, was fich euch querweg legte, alle die dummen AZufälle, alle die Nöte, die Sorgen alle, Die immer größer und größer wurden, — nichts, nicht er- jchütterte dich: „Das Herz muß ung doch bleiben!“
Und fiehe: Das Herz, dein großes Liebeherz, das Iuftig und tief war zugleich, — e3 blieb ſtark und eine ftrömende Sütequelle der Kraft bis zum Letzten, Schweriten.
Wie er frank wurde und in Fiebern lag, in irre- ftöhnenden Fiebern, und alles, alle gedrüdt war um ihn herum, — da war in dir allein noch ftetiger Glaube, und aus dir fiel auf ihn noch ein mildes verflärendes Scheinen davon. So lange du jeinen Atem noch fühlteft, jo lange du fein Leben noch hatteft, hatteſt du auch in ganzer Fülle dein wunderbares Leben. Als er aber ftarb, da warſt du auch tot.
Ach, Madei, ich wußte es, ich mußt’ es gleich, wie ich dich an feinen Totenbette ftehen fah, und wie du nur immer nad) jeinen Augen juchteft und feine Hände in deinen bielteft, ob nicht doch noch einmal Wärme von Dir ihm Leben geben könnte, — ich wußte es, daß du nicht bei ung bleiben würdeſt.
Und es ift gut jo geweſen, nicht wahr, Mabdei? Was hätteft du Hier gejollt, Hier, wo dir nun alles
Neuland, herausgeg. dv. C. Flaiſchlen 2
——
leer und ein ewiger Winter geweſen wäre, du volles, fröhliches Frühlingsherz!
Nein, es iſt beſſer ſo, daß du in den ewigen Früh— ling eingegangen biſt, du kleine, braune, luſtige Fee du, die du hier um mich biſt, daß ich dich beglückt zu ſpüren vermeine in all' dieſem herrlichen ſtrömenden Leben, in dem es keimt und ſprießt und blüht.
Sonne allüberall und überall Farben, die das Auge küſſen mit dem langen, linden Kuſſe der Braut. Und drüben, im Flieder, ſchlägt die Nachtigall. Ich ſehe ſie nicht, aber ich höre ſie, und ich fühle, du biſt es, die aus ihr ſingt. Wie könnte ſie ſonſt ſo klagejubelnd ſingen, ſo aus allem Reichtum eines tiefen, köſtlichen Herzens herauf, und ſo frühlingszuverſichtlich voll Glück und Liebe ...
Madei! Madei! Lachſt du mich aus, daß ich nun doch meine? ...
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M. G. Conrad
Anna⸗Mia
*
Anna-Mia Aus einer fränkiſchen Dorfgeſchichte
Wie viel Uhr wohl?
Der Schatten vom Galgenholz fiel herüber auf feinen Ader. Die Sonne mußte alfo jchon tief ftehen.
Er war fo weit vom Dorfe weg, und die Flur vertiefte fich Hier jo jehr zu Mulden, daß fein Glocken— ichlag zu hören mar.
Vielleicht noch zehn bis zwölf Furchen waren im zähen braunen Boden zu ziehen, dann konnte er Feier- abend machen, der alte Sebaftian.
Ermüdender als je dünkte ihm heute die Arbeit in der Luft des Vorfrühlings, die lau anfchlug und doch mit Schauern über die Haut ging, fobald die Hand den Pflug ließ und das Zweigeſpann von Ochs und Ruh ftehen blieb, bei der Umfehr und mitten in der Furche, wenn nicht ein Rud am Leitjeil oder ein Schlag mit: der Beitiche zum Gehen mahnte.
Es reimte fich heut überhaupt nicht? zujammen, daß e3 dem alten Sebaftian hätte behaglich werden: mögen. ’
2*
— 20 —
Nicht einmal die Furchen legten ſich regelrecht nebeneinander. Und der Bodengeruch taugte nichts, er war ſtockig und muffig, wie von verfaulten Wurzeln, und was vom Galgenholz mit dem niedrigen vermilderten Eichenbeftand am Rand und den grämlichen Föhren im erhöhten Hintergrund herübermwehte, war auch feine Priſe Schnupftabaf wert. Natürlich mußte Sebaftian zu allem Elend feine Doje vergefien haben.
Nichts ging zufammen heut. Menjch und Vieh und Zandichaft, eins verdrofjener als dag andere, und der Himmel machte ein Geficht wie einer, der nicht lachen und nicht weinen fann.
Aber dag Schlimmite ift — das mar dem alten Sebaftian jeine fefte Überzeugung — daß alles nur von den Gedanken fommt, mit denen man nicht fertig wird. Da befommt alles ein elendes Geficht und einen jchlechten Geruch.
Sobald man mit den Gedanken fertig wird, iſt's gleich anders. Aber meiſtens wird man damit nicht fertig. Je älter man wird, deſto weniger. Und heut erſt recht nicht, in dem miſerablen Trichter am Galgen— holz. Nichts vermochte er zu denken als die Gedanken ſeiner Anna⸗Mia.
„Hot hü!“
Die Kuh wurde unwillig, ſie fuhr mit dem Kopf hin und her, bohrte mit den krummen Hörnern in der Luft herum, und der Ochs mochte auch nicht mehr.
„Seid g'ſcheit, die paar Furch' no'.“
Das Zureden ſchien zu helfen. Die halbe Acker— länge ging's im trägen, gleichmäßigen Schritt. Da hielt Sebaſtian ſelber an und ſtrich ſich mit dem Handrücken über die Stirn. Dann ſchneuzte er ſich ärgerlich und machte ein dummes Geſicht.
„Alles kommt von den Gedanken.“
Aber von wem kommen die Gedanken? Won der
Anna-Mia.
„Hot hü!“
Ze. BE 2
Der Schatten vom Galgenholz legte fich jet über die ganze Mulde, in der Sebaftian auf- und abaderte, mühfam, in jchwerem Sinnen. Pie Mulde, mellen- fürmig gehügelt zwijchen den hochſteigenden Rändern, nannte er drum feinen Trichter.
„Herrgott, es wird Nacht und wir fommen- nicht aus dem Trichter 'raus. Vorwärts, Bläß'! Geid g’icheit, die paar Furch' no’. Morgen wird nit ein- g’ipannt, da habt ihr Ruh.“
Wie's das Vieh gut hat, das Hat feine Gedanken. Und feinen Pater Anfelm, der zur Miffion kommt, morgen. Und feine Anna-Mia, die immer da ift, zeitlebens.
„Kot hü!“
Natürlich müfjen jegt die Kraden im Galgenholz zu krähen und freifchen anfangen, damit die Mufit zum Feierabend nicht fehlt.
„Und wenn der Anjelm kommt und predigt, dann it 3 ganz aus mit der Anna-Mia. Meinetweg’'n. Da it nie zu ändern. Was kommen muß, kommt. Was geh’n muß, geht. Oha, öha, Bläß'!“
Früher war er anderer Gefinnung. Keine Spur von der jetigen Geduld und Ergebung. Und nichts von umjtändlichen Gedanken, die fich tage- und nächtelang im Gehirn mwälzen. Alles kurz angebunden und kurz entſchloſſen. Wer einem dag Leben verleidet, der fliegt! Wer fich einem troßig in den Weg ftellt, daß man nicht zum Glück fommen ann, niedertreten! Den Hals brechen, die Beine abjchlagen — zum Teufel auch! Fort mit allem, was zumider ift!
Aber fo, in diefer unglaublichen Ehe, mit dem un- glaublichen Weibsbild und mit jechzig Sahren auf dem Budel — — —
„Hot hül“
Da wird man mürbe wie ein Sicchmweihluchen, gelafjen wie Kinderbrei. Ah, es ift ja zum Maul- ichellieren, aber es ift fo. Das kommt von den Ge- danken, und die Gedanken kommen von der Anna-Mia.
— 22 —
Und die Anna-Mia iſt zwar jetzt auch fünfzig, aber die Narrheit macht das Weibsvolk zäh. Das wächſt mit feinen Wurzeln um einen herum, wie die Dueden im Adler. Nicht mehr wegzubringen. Zum Erftiden.
Schwarz jteht das Galgenholz, ſchwarz hängt der fternenlofe Himmel darüber, ein feuchtichiverer Wind ftreicht durch die Mulde.
Noch eine Furche, dann iſt's bezwungen. Gottlob.
„Seid g’jcheit, die eine Furch'’ no’! Hot hü — hül“
Nein, der Pater Anfelm läßt ihn vollitändig kalt.
Bor dreißig Jahren, ja da, wenn er in’& Dorf ge- fommen wär’ —
Wie dag Kind auf die Welt rutjchte, jo ohne rich- tigen Zuſammenhang mit allem, damals —
Zur Beichwichtigung aller machte fich das ver- dächtige Geſchöpf bald wieder aus dem Staub.
Dann kam das rechte Kind, ſein Kind, ſein Sebaſtian junior, dem Vater wie aus dem Geſicht geſchnitten.
Und Frau Anna-Mia verzieht den Mund, am fünften Geburtstag des Heinen Sebaftian: „Sa, das iſt ein richtiges Kind. D mein’, richtige Kinder giebt’3 g’nug in der Welt, aber richtige Väter nit viel. Die find dünn g’jät.“
Herrgott gab’3 ihm einen Stich. Einen mörderijchen Stih. Er hätte, Sünde her, Sünde hin — Aber mie er die Hand nad) ihr ausſtrecken wollte, jah fie ihn mit einem Paar Augen an, jo leuchtend in dunkler Glut, fo närrifch alle® mit Glanz umjpinnend — jo heilig— mäßig zugleich.
„Oha, öha, fertig, aus iſt's. Jetzt Können wir verjchnaufen.“
Und der Heine GSebajtian erlebte feinen jechiten Geburtstag nicht. Kein fam mehr nad. So zog fich die Ehe fort, Einderlos, in ftetiger Verrücktheit, bis auf den heutigen Tag. So vft Anna-Mia drohte, fich auf den Weg zu machen, ob, fie blieb feft auf dem Poſten. Und mit ihr al’ die unfaßliche Duälerei.
— Zn
Nun konnte morgen der Anjelm als Milfionspater in? Dorf fommen. Die alte Liebe, lächerlich, fein Nagel fann jo gut roften — und das ſchwarze Gewand, und die Jahre, und die grauen Haare, und Die ganze Lächerlichkeit. |
Anna-Mia felbit bringt den Namen nicht über Die Lippen. Kein Menich im ganzen Dorf denkt an die alten Geſchichten. Außerlich giebt’3 fein ſtilleres Haus- wejen in der weiten Umgegend.
Die Verwandten, die ſich noch erinnern, wohnen Stunden mweit weg. Die haben überhaupt fein Gefühl mehr als das der lachenden Erben, und feine andere Erwartung als die Stunde des Abſchnappens, mo jie die Finger ausſtrecken fünnen nach des alten Sebajtian ſchön zufammengewachjenem Gut. Er hat was — das it ihre Wertichägung.
„In dem Punkt können fie fich jchneiden,“ jagte Sebaftian laut, mit einem bo8haften Lächeln. „Vor— wärts, hü — jetzt haben wir bald den Stall.“
Endlich) war das Tagwerk vollbracht.
Der Pflug fchleifte knirſchend auf dem Holperigen Feldweg, die Anhöhe hinauf, in der dunklen Nachtitille der weiten öden Flur.
Langſam, bedächtig tappten die Tiere. Hintendrein der alte Sebaftian, ein wenig gefrümmt, die Hände auf dem Rücken verjchräntt, den Peitſchenſtiel durch Die Achjelhöhle gezogen.
Hinter dem Galgenholz fam der Mond herauf, hell und groß.
Sebaftian wandte fich einen Augenblid rückwärts. Hier war ein guter Ausfichtspunft. Rechts vom Galgen- holz, tief unten, wo die Sankt Wolfgangsfteige verläuft, ſchimmerte ein Stückchen vom Maine herauf, ganz blaß, aber deutlich, troß der Entfernung von wenigſtens zwei Kilometern. Ein feiner Blid.
Dann ging’3 wieder weiter, tappend, knirſchend, jchleifend.
DE
Bom Dorfe her jchlug jebt die Turmuhr. Sebaftian zählte nicht, jo tief haftete er in feinen Gedanken. In Anna-Mias Gedanken. |
„Mich ſelbſt macht fie doch nicht verrüdt. Wer's am längjten aushält, lacht zulegt. Närriſche Welt. Hü, Bläß’! Der Anjelm kommt! Der Miffionsprediger!“
Er lachte laut vor ſich Hin.
Und plötzlich war ihm, ala ob ihre Augen aus dem Dunkel ihm entgegenleuchteten, ihre jungen Augen, glänzend in Glut, unbegreiflich, wie der Blick eines ſeltſamen Tieres.
Er jtredte die Bruft vor, tief aufatmend.
Ya, folche Augen, damit konnte fie heute noch einen Heiligen in die Hölle locken. Augen, die Fein machen, Augen, die niederjchlagen, mörderijche Augen.
Zufällig griff feine Hand in die Tafche, wo er das ihöne Hirſchhornmeſſer zu tragen pflegte.
„Malefiz, richtig, das liegt noch auf dem Acer, am Grenzjtein.“
Und er brummte ärgerlich vor fich Hin, mit den ewigen Gedanken vergißt man das Beite. Das jchöne Hirfchhornmefjer muß wieder ber.
Da lag jein Kleiner, jauberer Hof, am Kreuzweg, hart vor dem Eingang ind Dorf.
Alles totenftil. Kein Feniter beleuchtet.
Die alte, taube Bärbel ſtand am Hofthor, den ver- ipäteten Bauern zu erwarten. Alles ganz mechaniich, in fünfundzwanzigjähriger Gewohnheit einer hHundetreuen Magd, der einzigen, die je im Haufe war.
Keinerlei Gruß. Wie gemöhnlid. Man war da, das genügte.
„Ich Hab’ mein Hirichhornmefjer draußen laſſen, muß morgen wieder 'naus,“ rief er ihr ins Obr.
Sie nidte, jpannte die Tiere aus und geleitete fie in den Stall.
Der Bauer ging ihr nach: „Die Frau, he?“
„Hot in der Küch’ und macht ihr Gficht.“
Alfo nicht? neues vom Kriegsſchauplatz.
u. HE un
Nachdem die Bärbel das Vieh gefüttert Hatte, brachte fie dem Herrn das Abendeſſen, gejchmälzte Wafler- fuppe und Kartoffeln mit etwas Butter.
Eine dünne, talgthränende Kerze in einem ſchmutzigen Blechleuchter beleuchtete den Tiſch.
Nachdem Sebaftian gegefjen und fich mit der Hand den Mund gemwijcht, ging er noch einmal in den Stall und über den Hof, ob alles in Ordnung, dann fuchte er fein Bett auf.
Mittlerweile war Anna-Mia in das ihrige gejchlüpft, dem feinigen gegenüber, auf leije Sprech- und Hörmeite.
„Sch Hab’ mein Hirichhornmefjer draußen laſſen, in Gedanken, muß morgen wieder 'naus. Wär’ jchad’ dafür.“
„Freilich.“
„Wollt' fertig werden und bin auch fertig worden.“
„Wirſt immer fertig.“
„Morgen ift Feiertag, Anna-Mia.“
„3a. Da kommen die Sozialdemokraten.“
„a8?“
„Die Sozialdemokraten. Und werfen alles um. Zur Wahl. Wirft jehen, werfen alles um. hr jeid nir.“
„Anna-Mia, was red’st daher! Million ift morgen.“
„Rote Milfion vorher.“
„Der Pater —.“ Den Namen Anjelm brachte er nicht aus dem Hals.
„Wir leben heiligmäßig, da giebt’3 ein felig End’, Sebaftian.”
„Was weißt du!” machte er unmillig und ftrecte fich.
„sch weiß, was ich jeh’. ch eh’ alles, wie's kommt und mwie’3 wird. Schwarz und rot.“
„Die alten Sprüch', Anna-Mia. Schlaf’ jebt.“
„Das feh’ ich auch im Schlaf. Wie damals, mo ich als zmölfjähriges Kind im Kloſter war.“
„Die alte G’Ichicht, Anna-Mia. Schlaf’ jetzt.“
„Im Klofter und totfranf. Um Dftern, wie jet. Zwei Tag’ vorher haben wir das Zauberglöckle g’fpielt. Dann totkranf.“
„Und die Klofterfrau jagt’ zu dir: Bereit’ Dich vor auf den Himmel, jtirb jelig —“ | „Und ich, voller Thränen: Sch Fanrı nicht, ich weiß nicht, mie man ftirbt, ich hab’ noch feinen Menfchen fterben fehen —“
„Jawohl, Anna-Mia, und die Kloſterfrau wird _ wild: Gottloſes Kind, fiehjt den Heiland nicht? Hörft feine Stimm’ nicht, wie er dich ruft? Willſt nicht fterben in feiner Gnad'?“
„Nein, ich will nicht, 9 will nicht! Ich ſeh' nix und hör' nix, oh, oh, o
„Und die Shimpferei geht von vorn’ an: Schlechtes Kind, gottlojes Kind, du willſt nicht? — Aber du bift wieder g’jund "worden und lebſt Heut noch. Schlaf’ jest, Anna-Mia.. Morgen ift Million.”
„Ein Sterbtag, Sebaftian. Die Sozialdemokraten werfen alle® um.”
Sebaftian grinfte und zog fich die Bettdede übers Geſicht. Er mochte nichts mehr jagen. Alles wird bei ihr zur Narretei. Immer anders und doch immer das— jelbe. Sein alter Kopf ertrug das nicht mehr.
Uber fie ließ ihm feine Ruhe.
„Du Haft viel an mir gejündigt, Sebaltian.”
„Ja, weil ich immer denfen muß, was du dentfit. In alle Emigfeit, Amen. Schlaf’ jest!“
„Du bift roh, du mordeſt mich.“
„Mein jchönes Hirſchhornmeſſer, wenn ich’3 nur morgen noch find’.“
„Du mußt zur Miffion und zur Beicht’, Sebaftian.“
„Ich ſpür' keine Sünd'.“
„Du mußt bereuen, Sebaſtian.“
Laß mir meine Ruh', Anna-Mia, ich hab’ nichts Bbſes zu bereuen, höchſtens meine Gutthat.“
„Du biſt nie gut mit mir g'weſen.“
„Herrgott — nein, nie. Kannſt noch nit ſchlafen, Anna-Mia? Ich erſtick', wenn du fein End’ machſt.“
„Ja, mein End’ wär’ dir halt recht, Sebajtian.“
Er warf fich auf die andere Seite und fehrte ihr den Rüden. Al fie immer noch fort grunfte und grä- melte, warf er fich plöglich wieder herum und jchrie: „Der ſchwarz' Kujon kommt!“
Da lachte fie grell auf, dak ihm fchauderte, dann ward fie mit einemmal ganz ftill.
„Schlechter Kerl,“ fing fie nach einer Weile wieder an und wälzte fich, daß der Strohjad rajchelte.
Sebaſtian ſchwieg. Nur fein Atem ging laut und raſſelnd.
„Grundſchlechter Kerl. Ihr paßt zu den Sozial— demofraten. Die ganze G’mein. Einer wie der ander’. Srundichlecht.“
Seht fchrie er wieder: „Dein fchwarzer Kujon fommt, verſtehſt mich?“
Nun ging ihr Weinen und Schluchzen an, krampf— haft, in Stößen und Abſätzen. Lange fo.
Al fie fich wieder gefaßt Hatte, fing fie mit ſchwacher Stimme an, immer noch mweinerlich, in kind— lich hohem, kreiſchendem Ton: „Dir nimmt er nir, gar nig. Denn du Haft nix, was man dir nehmen könnt’. Was halt denn?“
Nach einer Weile: „Wie meinit, Anna-Mia? ch hab’ nic? Ich hab’ mein Haus, mein’ Hof, mein Vieh, meine Felder — ich hab’ dich — —
„Mich? Mi? Ka, mich wenn du hätt’ft! O du Sebaftian!*
„Jawohl, dich — und meine Verwandten — Sad’ g’nug. Gut Nacht, Anna-Mia. Ich bin müd’. Herr- gott —!“
Jetzt jchlief er ein. Das lebte, was ihm durch's Bemwußtjein z0g, war der Gedanke, daß er diesmal fiher den Sozialdemokraten wählen werde, denn Die werfen alles um, auch die Weiber und Weibergefchichten — und das war vorläufig die Hauptjache.
Und nun fchnarchte er fchon.
Anna-Mia ftieg jcheu aus ihrem Bett, taftete ſich
— —
durch die Stube ans Fenſter, öffnete den Flügel und ſtreckte den Kopf hinaus. Bald ſtierte fie auf den Miſt— haufen der Dungſtätte, bald hinauf ins Gefunkel der Sterne, die unabſehbar den Himmel bedeckten.
„Morgen wird's ernſt, g'wiß. Erſt 'nunter, dann 'nauf. In die ewige Ruh'. Zu meinen Kindern.“
Ihr Kopf ſank aufs Fenſterbrett.
So lag er lange, mit geſchloſſenen Augen, während der Geift ruhelos in alle Fernen irrte, der Leib mie tot.
In weiten Kreiſen, faufend, kam der Geift wieder zurüd, immer näher, langjamer, bis er eine Linie fand, darauf Anna-Mia fidy mit körperlicher Deutlichkeit hin— wandeln ſah. Die Linie des Weges am Galgenholz vorüber, die Sankt Wolfgangziteige hinab, an den Main. Wohl zehnmal fchritt fie jeßt mit dem Geiſt dieſen Weg, immer hinwärts, bis an den Main, nie zurüd, immer gradaug, mit unverwandtem Blid. Bid an den Main, jo nah’, daß ihre Füße jest jchon das Waſſer jpürten, das leije fließende, plätjchernde, Iocdende Waſſer. Bon dem Haus bi8 an den Main, ganz allein zuerft, auf einfamem Weg, in menjchenleerer Welt. Und fie ſah fi) nach, fie ſah ſich vom Rüden, fie jah fich gehen, Schritt für Schritt, ohne Anhalten, ohne Eile, mit der unveränderlichen Sicherheit der Bewegung zu einem feften Biel. Und wie fie fich jo nachjah, gemahrte fie, mit mwachjender Schärfe ihres Blickes, erſt jchattenhaft, dann immer bejtimmter, zulegt in lebendiger Körperlich- feit, eine dunfle Geftalt an der Seite der Dahinchrei- tenden. Eine geheimnisvolle Gejtalt, menjchli und doch unirdiſch, an die Wandernde fich eng anschließend, den Arm um fie fchmiegend, in gleichem Schritt und Tritt, unzertrennlid. Der Tod! Hu, wie eifig alt! Nein, nein — Unjelmus! Und wie fie im Waffer ver- finkt, fühlt fie auf ihrem Kopf den Drud feiner Hand, jegnend, janft, aber unnachgiebig — — Ah, Anſelmus, erlöjender Tod — — —
Zähneklappernd, im heißen Fieber, ſchwebend und
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doch mit furchtbarer Schwere in den Gliedern, taftete ich Anna-Mia in ihr Bett zurüd. —
Mit hellem Geläute aller Kirchengloden wurde der grauende Morgen angerufen und der Feiertag eingeläutet, der dem Dorfe den Segen einer großen Miffionzfeier bringen jollte, mitten in der Erregung der politischen Wahlzeit. f
Als die erſten Mägde in der Frühe zu den Dorf- brunnen gingen und Die erjten Männer die Dorf- itraße, fiel ihnen etwas ſeltſam Ungemwohntes in Die Augen. Die großen, ſchwarzgerandeten Schriftitücde, die feit acht Tagen an den Brunnenjtöcden, Hofthoren, Sartenmauern, an den Wänden der Schule und Kirche hingen, die Gläubigen einzuladen zu fleißiger und an- dächtiger Beteiligung an der Miffion und ihren außer- ordentlichen Gnadenjpenden, waren mit langen, hand- breiten, grelleoten Betteln überffebt!
Wahrhaftig, quer durch, mit grellroten Zetteln!
Die Mägde ftugten, dann fchrien fie auf und glaubten an Teufelswerk. Niemal3 Hatte man folche Zettel im Dorfe gejehen, am menigiten über den hei- ligen, kirchlichen Befanntmachungen.
Die Männer jtugten auch, dann traten fie näher und lajen die Schrift auf den roten Anjchlägen.
„Wählt Wörlein!” ftand groß da. Und darunter mit Kleineren Buchitaben: „Das jozialdemofratijche Wahl- fomitee“.
Bald jah man Kirchendiener und Bolizeidiener in ungeheurer Gejchäftigfeit durch dag Dorf eilen und Die roten Zettel wegfragen. Die waren jedoch jo ftarf auf- geflebt, daß auch die Firchliche Bekanntmachung dabei in Fetzen ging.
Die Aufregung war groß im Dorf.
Nur der alte Sebajtian blieb gelafjen und lächelte fill vor fich Hin, in feiner etwas blöden Weife.
Und von Stunde zu Stunde fchlugen die Glocken an, immer dringlicher und ftürmijcher, daß es wie ein
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fortwährendes Getöne in der lauen, aber trüben Luft über dem Dorfe ſchwamm.
Der Himmel verdüſterte ſich zuſehends, als die großen kirchlichen Miſſionshandlungen ihren Anfang nahmen, mit Prozeſſionen und Meſſen und Predigten im Freien, und die ganze Dorfbevölkerung, alt und jung, auf die Beine brachte. Und in aller Mund war der Name des berühmten Predigers Pater Anſelm — und des ſozialdemokratiſchen Eindringlings auf den roten Zetteln, des bis heute vollſtändig unbekannten Wörlein. Sie waren die Helden des Tages.
Sebaſtian war zweimal unſchlüſſig zum Hofthor hinausgegangen. Aber er kam nicht weiter, als bis zum großen Dorfbrunnen. Dann blieb er zu Haus und blätterte im Kalender.
Unna-Mia, die ſich ſehr feierlich angekleidet in die Kirche begeben Hatte, ohne ein Wort zurüdzulaffen, er- ihien nicht zum Mittageffen.
Sebaſtian wartete ein wenig über die gewöhnliche Beit, dann fegte er fich Hin und aß in aller Gemüts— ruhe jeinen Teil.
Als er aufitand, ſprach er das Tijchgebet mit der Bärbel, und am Schlufje fügte er Hinzu: „Wählt Wör- lein“ — mit einem pfiffigeren Lächeln, als e3 ihm ge- wöhnlich eigen war. Und noch einmal: „Wählt Wör- lein". —
Für die Bärbel hatte er nur den Auftrag: „Wenn die Frau heimfommt und fragt nach mir, jagt: Er ift im Galgenholz, wo er was vergefien hat. Fragt fie nir, ſagſt auch nir. Berftanden?“
Die taube Bärbel machte große Augen und nidte. Nein, für jo gottlos Hätte fie den Herrn doch nicht ge- halten. Heut’ ins Galgenholz gehen, jtatt in Die Kirche oder zur heiligen Miffion — —
Da war die Frau anders, was man auch ſonſt an ihr ausfegen konnte, ihre Frömmigkeit und Andacht war tadellos.
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Die Bärbel wunderte ſich auch nicht, daß die Frau den ganzen Nachmittag nicht heimkam. Sie ſelber ſchloß endlich, nachdem alle Arbeit gethan war, die Hausthür ab, legte den Schlüſſel unter die Thür, und machte ſich auf den Weg zur Kirche.
Gegen Abend rieſelte leichter, lauer Regen.
Es dämmerte. Da ſaß der alte Sebaſtian noch unter einem Eichenbaum am Rand des Galgenholzes. Jetzt mußte er doch an den Heimgang denken. Es kam ihm ſauer an. Die Stille hatte ihm ſo wohl gethan —
Der Regen hatte nachgelaſſen. Als er auf dem guten Ausſichtspunkt angekommen war, ging der Mond auf, groß und hell, in voller Pracht, ſo daß in ſeinem Schein die Landſchaft aufſchimmerte, geheimnisvoll, lieb— lich und friedlich. Er wandte ſich um und ſah gegen das Mainthal.
Dann ſchlug er einen Seitenpfad ein, der querfeld ſich hinzog und ſchneller heimwärts führte.
Eine ſonderbare Unruhe hatte ihn ergriffen.
Drüben auf dem Feldweg ſah er plötzlich zwei dunkle Geſtalten ſchreiten, faſt wie ſchwebend, gemeſſen und doch merkwürdig eilend. Als ſie bei der nächſten Wegſenkung verſchwanden, ging er den Pfad zurück, den er gekommen. Und er ging und ging, ohne ſich Rechen- ichaft zu geben, bis er wieder auf dem guten Ausfichts- punkt ftand. Da fand fein fuchender Blick die dunklen Geftalten wieder, recht? am Galgenholz vorüber, ver- ichrwindend in der Ferne der Sankt Wolfgangsiteige, dem Maine zu.
Und er ftand lange in mwirren Gedanken, bis ihn die Müdigkeit padte.
„Das kommt von der Anna-Mia,“ verhöhnte er fi jelbit auf dem Rückweg. „Die führt dich an der Nafe herum. Wählt Wörlein.“
Pater Anjelm predigte unter ungeheurem Zulauf aus der ganzen Gegend noch dreimal im Dorf, gegen
RE. DEP
das allgemeine Berderben, gegen die jchlechten Ehen, gegen die Höllengeijter des Umſturzes.
Der alte Sebaftian jchlief allein in feiner Kammer und jaß allein an feinem Tiſch — und wenn die Bärbel ihn fragend angloßte, blinzelte er ärgerlich und fuchtelte mit den Händen, ala wollte er jagen: Was weiß ich, was geht’3 überhaupt ung an?
Den Wörlein brauchte er nicht mehr zu wählen.
Der Umfturz, wie er ihn brauchte, war jo ge- fommen. Scheinbar wenigſtens.
Aber die Gejchichte war eigentlich doch furchtbar widermärtig, zumal im Anfang, und bis alles wieder im Gleiſe war.
In feinen Gedanfen fam er von der Anna-Mia fo wenig 108, wie zuvor. Überall jah er fie, überall hörte er fie, fie fchritt auf dem Feldweg vor ihm Hin, fie hockte in der Küche, fie fnadte und grinfte und greinte auf dem Bettrand.
Gegen das Gejpenft der Anna-Mia half fein Gebet, half fein Fluch. Nicht einmal der Wörlein. — Vielleicht das Schöne Hirichhornmefjer? — — Vielleicht die alte, taube Bärbel? — — —
beste sie sie sie sie se sie stesie este ste sie sie sie sienie
Anna CroiſſantRuſt
Prinzeffin auf der Erbfe
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Pringeffin auf der Erbſe
„un ſahen fie ein, daß fie eine wirkliche Prin— zeſſin war, meil fie durch die zwanzig Matragen und die zwanzig Eiderdunenbetten hindurch die‘ Erbje ver- ſpürt Hatte. So empfindlich fonnte niemand fein, als eine wirkliche Prinzefjin.
Da nahm der Prinz fie zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzeſſin bejige, und Die Erbje fam auf die Kunftlammer, wo fie noch zu jehen ift, wenn niemand fie gejtohlen hat.
Sieh, das ift eine wahre Geichichte.” — —
„Aber du Hörft ja nicht zu, du!“
„Ja, — ja freilich Ernſt, ich hab’ alles gehört.“
„Rein, du Haft geichlafen, thatjächlich gejchlafen.“ „Anfinn, ic) war ganz wach, ich hockte nur fo, weil —”
„Ab, bah Blech! Ach hab's g’rad gejehen. Dann fag’ mir nur gleich, um was es fich gehandelt hat.“
Neuland, herausgeg. dv. €. Flaiſchlen 3
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„Um das Märchen halt von der, die im Regen vor dem Stadtthor ftand und fagte, fie ſei eine Prinzeffin.“
„Und? —“
„Was?“
„Was noch? — Weiter, weiter!“
„Herein mwollte fie halt und mollte ein Bett, meil fie'3 fror und — und —“
„sa das ift der Anfang, da Hatteft du deine Augen noch offen, ich weiß es ganz genau. Aber jest fannit du ficher nicht weiter, du Erzſchwindlerin.“
„Jawohl kann ich, ja wohl! Du läßt einen ja gar nicht ausreden, nicht befinnen —“
„Alſo ich werde mich ganz ftumm verhalten, wie ein Karthäuſer.“
„Ach nein, du, das kannſt du nicht, nein nein! Und was ift das ein Karthäufer?“
„Ein Karthäufer ift derjenige, welcher —“
„Du mußt doch ftumm fein!“
„Wenn du einen aber frägft und jo idiotifch bift!“
„Das merkt der Menſch gar nicht! Sch wollte dich eben zum Reden bringen!“
„Damit du deine Gejchichte nicht zu erzählen braucht! — Kennt man. Alſo?“ —
„Wenn du immerfort redeſt, vergeſſe ich fie natürlich.“
„Unglaublich! Frauenzimmer, Franenzimmer, ich jag’ dir — — bemogeln gilt durchaus nicht; jo zieht fie ſich aus der Schlinge.“
„Rein, das gilt nicht, das gilt nicht! Du darfft einmal nicht? jagen, du Haft zu jchweigen.“
„Und du zu reden.“
„Sch wette, du kannſt nicht ruhig fein.“
„Oho! — Und ich, du kannſt nichts erzählen. Um was wetten wir, Maus?“
„Still fein ſag' ich, jetzt komm' ih —“
„Sag’ nur nicht, ‚jagt der Hansmwurft‘! Denn das haft du jagen wollen. Gewiß, gewiß. D, ich weiß es jo ficher. Ich kann das nicht leiden und immer wieder — —
— —
Unausſtehlich! Du weißt doch, daß ich dieſe Sachen haſſe, daß ſie mir in den Tod zuwider ſind, warum nur —“
„Jetzt mag ich auch nichts mehr erzählen.“
„Wiſſen wir. Dann gewinne ich eben die Wette, meine artige Gnädige . . weiter nichts.“
„Wie wenn wir überhaupt gemwettet hätten, jo richtig! Und dann Haft du fie jchon lang verloren, du Schaf!“
„Run folft du fie eben auch verlieren, ich möchte ed zu gern, Kleine Maus! weißt du —— — das iſt dann immer ſo ſchön — —
„Alſo wo war ich?“
„Gelt du weißt's nimmer!? So ſchlag doch los!“
„Ja, hm! — etſch! weiß ich's. Wo die Perſon, die Prinzeſſin windelweich war vor Regen und herein wollte und der alte König aufmachte. Und weiter weiß ich auch noch. Es war recht dumm. Denn ein König macht die Stadtthore nicht auf und ſchon gar nicht, wenn es regnet. Lach doch nicht ſo, — ſo eigen, es iſt doch dumm, und es iſt dumm. Weil eine Königin nicht die zwanzig Matratzen und zwanzig Eiderbetten“
„Eiderdunenbetten jagt man —“
„Ach Gott! — alſo Eiderdunenbetten ſelbſt her- richtet, weil ein Bett jo hoch wird, daß man den Kopf an die Dede ftößt, da kann doch fein Menſch jchlafen! Und daß die vermweichte Prinzeffin auch noch die Erbje durchgejpürt Hat, das ift doch zu dumm, zu dumm, das giebt’3 einfach nicht! Und der Prinz hat fie deswegen zur Frau genommen; — fo, jo, fo dumm! — Hab’ ich's jetzt gewußt oder nicht? Jetzt will ich dir's aber auch jagen, daß ich doch beinahe eingejchlafen wäre, weil es wirklich zu langweilig war. Warum lieft du mir auch iolches Zeug vor? Ach bin doch fein Kleines Kind, ich glaub’3 doch nicht!”
„Warum ich es dir vorlefe? Damit du es nicht verſtehſt, das iſt eben der Witz. Ich werde mich hüten in Zukunft.“
3*
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„Aber Schat, aber Schab warum bift du Denn jest böje? — Schau mich nicht jo an, deine Augen tun mir weh. ch hab’ doch nicht? gethan? Weißt du, wenn Dir die Märchen gut gefallen, lies fie nur wieder, ich ſchlafe nicht, Herzensſchatz, nein, nein, ganz gewiß nicht. Ich Tann fie dann alle nacherzählen.
„DO, wie ein Papagei, da8 kann die Gnädige.“
„Was hab’ ich denn nur ‚gethan, warum bijt du fo zornig, ich weiß nicht — —
„Das ift’8 eben, daß du's nicht weißt!“
„Vielleicht, wenn bu mir bei fo was ein bisl helfen mwollteft — erflären, ich hab’ doch am Ende nicht recht, und es ift doch nicht fo arg dumm.“
„Hör auf! Ach kann das Gerede nicht haben.“
„Sag’ mir nur, warum du gar fo bös bift? Sei twieder lieb!“
„Warum bift du 658, jei wieder lieb! es ift zum Rafendiwerden! Ach hab's fatt, genug, genug bis daher. Rühr' mich nicht an, ich will nichts wiſſen jebt, gar, gar nichts wiſſen.“
Da war er jchon fort, Hinaus in die Dämmerung.
Wie es regnete! Die Tropfen Inatterten ordent- lich gegen die Scheiben, und die Dachrinne fpie und plätjcherte heute fchon ftundenlang. Ohne Regenſchirm. Dh! es war jchredlich! und wie zornig er war! Wenn fie ihm nachlief und den Schirm brachte? Eliſabeth ichüttelte den Kopf. Nein, nein, fie mußte wie das wieder wurde, wenn er jo war. Er war im Stande und fchlug ihn ihr aus der Hand. Was er nur hatte! Traurig ging fie zum Fenſter und hob den Borhang von den Kleinen Scheiben. Beinahe ganz dunkel draußen. Aber fie jah ihn noch den Berg hinauf rennen gegen das Dorf droben, gegen Margreten zu.
Was fie nur wieder gethan Hatte!? Das that fo weh, daß fie gar nichts wußte und ratlos fuchte, mas ihn fo hart gemacht! ‘Wie gern wollte fie ihm nach- laufen jtundenmweit und ihn bitten, ſei nur wieder gut,
—.91 — jag’ mir, was ich gethan, wenn er fie nur wieder an- jah mit den lieben Augen — — Und es fing an jie in der Kehle zu drücden, und die Thränen famen langjam, dann immer jchneller, und fie tajtete fich vom Fenſter weg und im Dämmer nad) dem Divan. In die Ede gefauert jchluchzte fie und ließ ſich willig von ihrem Schmerz ftoßen. Er that ihr Unrecht, warum fam er denn oft ganz plöglich in Wut und behandelte fie dann ungereht? O er war garitig, recht garitig mit ihr. Sie ftreichelte ſich fürmlich jelbft vor Mitleiden. Und jo furz erft verheiratet zu fein, faum ein paar Monate! Sogar im Anfang war er jchon einigemal furchtbar zornig gemwejen, in der Stadt drinnen, als Freunde bei ihnen waren. Da beraußen auf dem Lande war e3 ja befier, nur manchmal, wie vorhin. —
Wenn das fo fortging! Was für ein Leben! Warum hatte er fie denn nicht lieber bei den Verwandten ge- laffen auf dem Gut? Hätte er fie halt nicht geheiratet, fie Hatte ihm doch gejagt, daß fie nicht? von der Stadt wiſſe und nichts von feinen gelehrten Sachen.
„Du Heine, dumme Maus, was brauchſt du denn das zu willen? Du folft mir doch nicht denken helfen! Lieb jolft Du mich haben, recht, recht lieb, o e8 wird jo jchön werden!“
Genau das Hatte er zu ihr gejagt, und jet war fie ihm doch nicht recht jo, wie fie war.
Alles wollte fie ja für ihn thun, wenn er fie nur lieb Hatte. Nur ein wenig, nicht jo arg mie fie ihn, das konnte er nicht, das war gar nicht möglich.
Die Dunkelheit kam ſchnell an diefem ftürmijchen Märzabend, faum unterjchied man noch die Gegenftände im Bimmer in ihren verjchmommenen Umrifjen. Breit, wie fchläfrige Ungetüme hockten die Kommode in der Ede und der Schreibtiich am Fenfter. Nur die Dielen ichimmerten hell und der weiße Maueranſtrich. Durch die Scheiben jah man die Bäume vor dem Haufe mie im Zorn in der Luft herumfuchteln, und es platjchte und
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platſchte immer zu. Kühl wurde es auch, Eliſabeth fröſtelte in ihrer Ecke; wenn der Wind an den Fenſtern riß und am Scheunenthor knarrte, jagte es ihr eiskalte Schauder über den Rücken. Die Bäuerin, das Nannei, hätte wohl nachſchauen können, ob ſie kein Feuer brauche, ſelbſt wollte ſie keins machen, es war doch alles gleich, denn ganz gewiß er liebte ſie nimmer. Ganz gewiß.
Warum hatte er ſie denn überhaupt geheiratet? Sie ſetzte ſich aufrecht, Halb knieend ſtarrte ſie mit auf- geriſſenen Augen in das Dunkel.
Warum? Warum?
Sie hatte ſich jo ſehr gefreut, mit ihm bei den Bauern zu wohnen, bei jeinen alten Freunden, dem Ani und feinem Nannei, und nicht mehr in der großen Stadt, wo fie jeine Belannten alle anjtarrten, mujterten, mo alles dumpf und eng war, feine Bäume, feine Blumen. —
Ach der Tag, an dent fie famen! Ein ganz warmer, jonniger Märznacjmittag, jtaubig, die Berge dunkelblau, das Thal hell und wie friich gewafchen. An der Bahn war der alte Ani mit der grünen, feiertägigen Pfeife, und der Spitz Romano, der Ernit gleich bi8 an den Hals jprang vor Wiederjehensfreude. Und das Kleine, wohlige, warme Bauernhaus mit der Holzaltane und dem breiten Dach, ganz feitlich gepugt vom Nannei. Da durfte fie nun ihre zwei netten Stuben einrichten. — Die bligblanfe Freude am Neuen fam ihr wieder, das fie mit vollen Armen umſchloß und an fich drüdte — heimlich jchlich jich Leispochende Sehnfucht ein. O wieder jo reich, jo jorglos fein, voll danfender Liebe, voll ftrahlenden, faum zu faſſenden Glüdes! O erite Tage voll verjchwiegener Zärtlichkeit, voll heimlichen Jubels, geborgen in den niederen Bauernzimmern.
Elifabeth kam in's jchaufelnde Fahrwaſſer der Weh- mut. Bon der „Stub’n“ drunten tönt Anis Zither wie eine bejchwichtigende Begleitung zu ihren Gedanfen. Was fie nur hatte! Es war ja noch alles da!
Drunten jagen fie um den großen Tiſch, Ani und
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die Nachbarburjchen rauchten und fpielten „auf“, das Herdfeuer prafjelte und Nannei kochte — wie immer. Die würden fie jchön außlachen, daß fie im Finftern ſaß und heulte! Schnell ftand fie auf und zündete die Lampe an. Alles jah anders aus, jowie fie Licht hatte. Die Bauernlommode mit den blinfenden Griffen, Ernits großer Schreibtijch mit den vielen Büchern und Heften und PVhotographien, ganz behaglich und ſtolz dabei reckten fie fi) in der Stube, das Ticktad der Wanduhr Klang halb jpottend: na — na — na! Sie jchämte fich wirklich. Wenn Ernjt zurückkäme! Kein Feuer im Ofen, fein Tiſch gededt, fein Abendbrod — Schnell, fchnell jegt. Sie war wirklich albern gewejen. Warum follte Ernſt nicht einmal verjtimmt fein? Den ganzen Tag nicht aus dem Haufe gefommen, fein Brief heute, feine Zeitung. Er mußte auch anfangen zu arbeiten, nicht immer nur Un- finn mit ihr machen und fich herumtreiben. Sie kannte wohl die Wichtigkeit, feine Doktorarbeit! Mit Ehrfurcht ging fie um die fchon lange Hergerichteten Bogen, fait hätte fie ihnen eine Berbeugung gemacht. Da fam gleich der Stolz. Was er alles wußte und hatte jo ein dummes, fleines Mädel lieb! Sie! Ja, er Hatte fie lieb. Das fam auf leifen Sohlen, begehrte Einlaß und machte jie glücklich, übermütig. Beinahe Hätte fie dag Nannei um- armt, dag mit einem Arm voll Tannenäften zum Feuer- machen fam. Er mag mich doch! Das jang und klang und tanzte in ihr zur Bither, zum ſummenden Thee- waſſer und dem Gefnatter im Ofen. Sie freute ſich ordentlich, daß e8 draußen noch ftürmte und goß, um jo behaglicher würde Ernſt es bei ihr finden.
Der Tiſch war ſchön in Ordnung, die Speifen leder und appetitlich, fie ſtellte ſich mit gerecktem Haljfe, um alles zu überjehen. Wenn etwas fehlte: „Leichtfinn!“, wenn etwas krumm oder verfehrt lag „Rustica“, wenn e3 nicht gut zubereitet war „Rameel”. Und fie ging um den Tiſch herum, ſagte fich: die drei Lieblingswörter vor, ganz ſo gemwichtig, wie er fie ausſprach und tippte
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fich dabei mit dem Finger auf die Stirn, gerade wie Ernit e8 machte. Bejonders beim Kameel vermweilte fie, weil das feine Specialität war, dies innige Ruhen auf dem m „Kammmmeel”. Nein ganz fo ſchön brachte fie es nicht fertig.‘ Er mußte es ihr Heute noch jagen, wenn auch alles gut war, zur Belohnung. Wenn er nur füme! Der Thee wurde ja jchlecht, dunkel und herb; ed war ſchon jpät, er konnte doc unmöglich in der Nacht noch herumlaufen. Sie wurde ſchon wieder unruhig. Sie hörte die jungen Nachbarburfchen mweggehen, Die beiden Alten in die Kammer tappen, und nun nichts mehr als den Wind und Romano, ber knurrend und zantend fein Strohlager zurechtkragte.
Wo er nur blieb! Warum er fie jo allein fiten ließ, fie konnte gar nichts efjen. Aber tapfer jchludte fie ihre Sorgen hinunter. Sie wollte lefen und gerade das, was er ihr heute gelefen. Bielleicht verjtand ſie's, wenn fie e3 recht oft und recht langſam las.
Einmal. — Elijabeth fchüttelte den Kopf und las wieder, jchüttelte ihn abermals, aber viel, viel langjamer, legte fich im Stuhl zurüd, mit dem Finger fortwährend eine Locke an den Schläfen drehend, die Augen halb zu- gefniffen.
Plöglich machte fie fie weit auf und wurde ganz rot im Gefichte, dann famen Thränen. Hilflos legte fie den Kopf auf die Arme und meinte und meinte.
Da! hörte fie nicht Schritte durch den Wind? Im Erſchrecken flog fie auf, er follte fie nicht fo finden. Gie rannte nach dem Schlafzimmer, da hörte fie ihn ſchon auf der Treppe, geſchwind die Kleider herunter und unter die Dede. Das Herz pochte ihr wie als Kind, wenn jie Unrecht gethan und auf Strafe wartete, — er war im Bimmer. Eine Weile blieb er ftehen, dann ein paar Schritte, unſchlüſſig — Horte er? Kam er zu ihr? Setzte er fich zum Efjen? Sie hörte gar nichts mehr, weil ihr Herz jo viel Lärm machte. Nun Froch fie vor- ſichtig an's Fußende ihres Bettes, da Tonnte fie den
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Tiſch jehen, durch die halboffene Thüre, wenn fie fich nur recht weit vorbog.
Richtig, da ſaß er. Mit dem Rüden gegen das Schlafzimmer und den Kopf in den beiden Händen. Sie mußte an fich halten um nicht Hinauszufpringen, ihm an den Hals, jo allein ſaß er. —
Ernſt konnte nicht? eſſen, es hätte ihn gemürgt. Wie gut war er ihr wieder geweſen, wie hatte er ſich nach ihr gejehnt!
Den ganzen Weg zurüd hatte er ihre Augen vor fich gejehen, die jcheuen Kinderaugen, in denen tief das Weib jchlummerte, ihr langes, fnifterndes Haar hatte er gefüßt und ihre Lippen, die fo zaghaft wieder füßten. Und nun? — Es war ihr wohl nicht der Mühe wert gewejen, wegen ihm aufzubleiben? Die Gefchichte von vorhin war ihr natürlich leid, weil fie fich gekränkt fühlte, — ein paar Thränlein und dann ins Bett gefrochen, e3 jchlief fich jo wohl darauf wie immer. Dieje ver- dammte Oberflächlichkeit, was fie ihm ſchon für Schmerzen gemacht hatte. Konnte er denn je etwas Ernjthaftes mit ihr reden? Bon feinen Sorgen? Gie würde jehr eritaunt jein und zulegt lachen. Kindijch war fie, ober- flächlich, forglos. Da war er ja genau wieder auf dem- jelben Punkte wie vorhin. Nicht der Streit hatte ihn fortgetrieben, der Heine Ärger. Nie wurde fie das, was er erwartet Hatte. Keine Ernithaftigfeit, fein großes warmes Mitempfinden, fie wurde fein Weib. — Und doch, und doch! Nur fcheu und ſchamhaft vielleicht war fie. Warum lag in ihren heftigen, faft eckigen Kinder- fiebfofungen jo viel Glut und Wärme, fo viel zurüd- gedrängtes Sehnen? Und dabei doch dies Unreife, Naje- weije, das ihn hart und graufam machte, daß er an all ihre warm umijchließende, zaghafte Liebe denten mußte, an ihre händeküſſende Zärtlichkeit, um fie nicht zu haffen.
Vielleicht Hatte er ihr ein Unrecht zugefügt, daß er fie von dort weggenommen, fie fand fich bei ihm nicht zurecht. Dder ein Unrecht gegen fich, weil jie ihn
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hemmte. Jetzt, wo er jo viel mit fich zu thun hatte, hätte er eine Verjtehende, Helfende gebraucht. Sie, die andere, bei der er den Glauben an fich gefunden, ihr hätte er feine Sorgen Hagen können — aber dies Rind, die jchlafende Sorglofigfeit! —
Bis zwölf ſaß er auf, ohne fich zu regen. Elifabeth fniete ebenfolange ſtarr vor Kälte auf ihrem Bett. Erſt al? er aufitand, kroch fie zurüd.
Ernit zog fi im Dunfel aus. Eliſabeth hörte, wie er noch lange ruhig jtand, ehe er fich niederlegte. Ihr Herz war voll Trauer und Angſt. Was litt er? — Nur dur fie. In Demut vor ihm niederfnieen und bitten, daß er es ſage. Aber fie hatte feinen Mut, da kam gleich dies Angjtgefühl, die Fürchten vor feiner . Antwort. — Sclief er? Er rührte fich nicht. Endlich hörte fie ein Kniftern. „Gut Nacht, Schab“, fagte fie ganz leife. Keine Antwort, er fchlief wohl.
Ernft lag auf dem Rüden und borchte auf das Knarren der Bäume und das Üchzen des Haufe. Der Regen hatte aufgehört, und ein blajjer Mond flog durch zer- riſſenes Gewölke. Er jah danach. Dies Jagen und Rennen und Haften und Streiten bannte ihn.
Da jchob fich etwas zwiſchen ihn und das kleine Biere des unruhigen Nachthimmels. Sachte Schritte jeinem Bette zu, tajtend eine Hand auf der Dede die jeine ſuchend. Eliſabeth. Ihre falte Wange legte fich auf feine Finger, die gelöften Haare fielen darüber, jie niete vor feinem Bette. Kein Wort. Sie ſchwiegen beide.
Da fing ihre Hand an fich feiter um die feine zu ichließen, ihr Kopf hob fich.
„sch verſtehe es jet, Ernſt.“
Ganz anders, tiefer, tonlofer Klang ihre Stimme. Ernjt fühlte wie jeine Schläfen hHämmerten, wie es ihn mwürgte, er wollte reden. —
Da übermannte fie ihr Leid. Sie fprang auf, um- ſchlang ihn mit beiden Armen und unter Küfjen ftammelte fie: „Ich weiß, ich weiß du bijt ein wirklicher Prinz und
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ich bin keine wirkliche Prinzeſſin und du hätteſt mich nicht heiraten ſollen. Aber ich hab' dich halt ſo lieb, ſo arg, arg lieb, behalt' mich, behalt' mich bei dir!“
Wortlos zog er die vor Kälte und Aufregung Zit— ternde an ſich, ſchlang die Decke um ſie und konnte nichts ſagen wie: „O du Kameel, ich hab' dich doch gern“, und vor Rührung ſchrie er es ganz laut.
* — *
Ein paar Wochen ſpäter.
Nannei ſtand in ihrem „Gartl", hielt die Hand vor die Augen und fchaute den Staren zu. Kaum jah man fie in der Pracht der Apfelblüten, die Kleinen, ſchwarzen, gluckſenden Bögel. Ringsum blühten die Obſt— bäume. Wie riefige Sträuße jahen fie von oben aus, blaßrot und weiß, die Landſtraßen leuchteten meithin aus Saatfeldern und Wiejen heraus mit den Umjäu- mungen der Blütenbäume, die Dörfer ringsum waren untergetaucht, verſchwunden unter der Fülle der blühen- den Pracht. Weithin prahlten die Wiejen, ſtrotzend grün mit bunten, gelben und roten und weißen Flecken.
„Aber Nannei, heut ift es jchön!” rief Elijabeth, „hau nur, jchau die Bienen!“ und jauchzend Tief fie den Hedenweg mweiter im dichten Graſe. Nannei zeigte Ernjt den Staren, der die brütende Starin zärtlich fütterte. „Da geit’3 bald Junge, ſiehgſt'n?“ meinte fie lachend und zwinferte mit den Augen.
Elifabeth rannte noch immer an der Hede Hin, jtreichelte die Blätter, bückte fich zu den Blumen, fchaute in die blühenden Baumfronen, breitete lachend die Arme aus und lief Ernft wieder entgegen: „O wie glücklich, wie glücklich ich bin!”
Das Nannei drohte mit dem Finger und deutete Ihmunzelnd nach dem „Starl“.
„Du bift ja, wie wenn du einen NRaujch Hätteft, Kleine, ich Hab dich noch nie jo gejehen.“
„Einen Frühlingsraufch wahrjcheinlih. Al ob. du
müßteft, wie gern ich das alles habe. Noch viel lieber wie früher, weil ich in der Stadt eingejperrt war.“
„Du Haft drinnen aber nie etwas gejagt“.
„Wozu denn? Sch war einmal mit dir gegangen und —“ fie hielt inne, weil Ernſt immerfort den Kopf jchüttelte.
„Was ilt los? War dad dumm?" —
„Rein, ich weiß nicht, du bift ganz anders, fo fremd, deine Augen glänzen und man meint, du möchtejt tanzen vor Vergnügen.”
„Weil alles fo wunder-, wunderſchön ift, jpürft du's denn nicht da drinn? ch möchte ja fingen und ſchwätzen und lachen immer, immer und fpringen und laufen, meil’3 gar jo jchön if. Ach kann's ja nicht recht jagen, aber alles freut mich, und ich möchte die Bäume umarmen und Die jungen Blätter füfjen, die Blumen ftreicheln, daß fie da find und die Sonne möchte ich auffangen und bei mir behalten, e8 thut beinahe weh — weißt du, feit an mich drüden alles, alles. — Ach Gott, es iſt ja nicht jo; wenn ich dir's erklären will, wird’3 ganz anders, weil es nicht luſtig ift eigentlich, weil mir Die Thränen dabei fommen manchmal und doch, ich glaube, es fommt auch davon, daß ich dich fo gern hab'.“
Sie nahm feine Hand und jchaute ihn an.
Er jah ja faſt aus, wie wenn er zornig wäre! Die tiefen Längsfalten, die einen ganzen Wulft zwiſchen den Augenbrauen vorſchoben —
Ernſt war auch verdrießlich. Er mußte jelbjt nicht, warum. Beinah that’3 ihm meh, daß fie jo fröhlich war, jo für fich fröhlich, ohne ihn, ohne daß er etwas dazu gethan. Weil er ihr das Glück nicht gegeben, und auch, weil fie ihm fremd vorfam, das war un- behaglich, daß er ihre Freude nicht mitfühlen Konnte. Aber er hätte doch froh fein follen, fie fo überglücklich zu jehen, er wollte e3 ja, gequält hatte er fie genug — ganz feſt verjprochen hatte er ſich's: fie follte glücklich werden, er hätte ja ein Untier fein müffen, wenn —
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Felt legte er den Arm um fie und ſah fie bittend an. Wie ängſtlich ihre Augen waren. „Nein Maus, nein!" jagte er zärtlich, da war fie jchon wieder zu- frieden.
Als fie oben bei der alten Kirche ftanden, packte auch ihn die Frühjahrstrunfenheit. Das ganze, weite Thal voll Licht und Blüte. Wie ein Taumel des fich Entfaltens, ein ſüßes Geheimnis des Werden ftieg es auf, ein Gottesdienft der Schönheit, des Genießens, ein Subel ohne Ende —
„Siehft du's Ernſt?“
„Was denn?“
„Das Haus drunten, unſer Haus. Ganz allein, wie eine Einöde. Gelt, wir brauchen auch niemanden, wir wollen nicht? wiffen von den Leuten und du, Du denkſt auch nimmer daran.“
„Woran?“
„An fie; du haft fo viel von ihr erzählt. Weißt du, die du jo arg gern gehabt Haft, und fie hat nichts gemerkt.“
„Nein Herz, ich habe ja Dich.“
„Und wir bleiben beifammen immer, immer?“
Ernſt drüdte fie feſt an ſich.
Wie gern Hatte er fie, wenn fie jo ernit war. Da fing fie plößlich zu lachen an.
„Seht kichert fie auf einmal wieder. Unbegreiflich! Leichtfinn!“
„Halt wegen dem.“
„Halt wegen was?”
„Wegen dem, was du nicht weißt.“
„Ab, eine Neuigfeit! das wird was jein!”
„Dann jag ich’8 eben nicht.“
„Laß e8 nur gehen.”
„Aber du ſollſt's wiſſen.“
„Ich bin gar nicht neugierig.“
„Geh, rat halt!“
„Ich bin zu faul.“
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„Aber du mußt es miljen.“
„Ih will gar nicht.“
„D du, jet ſag' ich's g’rad!“
Sie faßte ihn beim Rocdärmel und rieb ſich immer- fort ihre Naje an dem rauhen Stoff, dunfelrot im Geſicht.
„Es iſt — — weil — nun — im Herbſt eben, es iſt zu komiſch — da kann ich nicht mit dir da herauf gehen, weil — nun ſo ſag's doch weiter, weißt du's denn nicht? — weil — wir ein Kind kriegen.“
Und im Nu war ſie über den Hügel hinunter und unter den grünen Hecken verſchwunden.
„Du —! du! Kameel!“ mit den Armen fuchtelnd und den Mund wie zum Pfeifen fpigend, lief ihr Ernit nad).
„Kammmeel!“ rief fie ihm aus ihrem Verſteck ent- gegen, und er zog fie an beiden Händen heraus. Da Itanden fie nun und fchauten fi) an und jchnell wieder zu Boden, lächelten fich mit fremdem Lachen zu und wußten nicht, was beginnen.
„Aber Mädel, Mädel!”
„Ich Habe doch nichts Dummes gejagt?“
„Rein, das Gefcheitite, was du bis jest in deinem Leben gejagt haft“, und er küßte ihre Stirne, dann erit ihren Mund, aber zögernd, jcheu, ftrich ihr über Die Haare, die Finger zitterten ihm.
„Freut's Dich?“
Da nahm er fie auf den Arm und trug fie über die Wiefe in den Wald. Die Äfte riffen an ihren Haaren, und die Blätter jchlugen ihr ins Geficht. Er merfte e3 nicht, und fie hielt ganz till ihren Kopf an den feinen gedrüct, biß fie in die Lichtung kamen, wo man das Haus drunten liegen jah. Kaum Hatte er fie auf die Füße geftellt, da war fie fort, Hinunter den Feldweg, zwilchen den Heden, heim. Er jchloß die Augen und jah fie vor fich in ihrem hellen Kleide immerfort über den grünen Hang fliegen, hinunter — hinunter —,
hinunter, immerfort im Sonnenjchein, immerfort mit diejen glücklichen Augen, immerfort in der jungen Früh— (ing3herrlichkeit, wie wenn fich alle® um fie dränge, fie ichmeichele, Liebfofe, wegen ihr da jei — — —
Zu Haufe fand er Briefe. Auf einen ftürzte er. ſofort los, Eliſabeth jah es gleih. Auch daß er rot wurde, rot bis unter die Haare und daß er wieder Die Falten auf der Stirne zog, fie fannte fie fchon —, wenn er ratlos war oder ärgerlich. Fragen mochte fie nicht, und er jagte fein Wort. Kramte nun jo in den anderen Briefen herum, machte einen auf, las ihn zur Hälfte, legte ihn wieder hin und nahm einen anderen. Zuletzt ließ er alle liegen und ging hinaus, den eriten hatte er aber doch mitgenommen. Und der war von einer Frau. Sie hatte es an der Handichrift gejehen, ganz deutlich.
Wie wenn ihr plößlich) etwa® genommen würde, war's ihr auf einmal und fie war jo überglücklich heute geweſen.
„Frau von Tilgner wird nächſtens hierher kommen.“ Im Eintreten ſagte es Ernſt, kurz und mürriſch ſchien ihr. Eliſabeth ſtellte erſchreektk den Maiblumenſtrauß weg, den ſie ordnen wollte.
„Wie, die will kommen? und vorhin haben wir erſt davon geſprochen — nein Ernſt, mach keine ſchlechten Witze.“
„Doch ſie kommt.“
„Sie ſoll weg bleiben, ſchreib ihr nur.“
„Unſinn! ich kann's ihr nicht wehren. Sie wohnt ja nicht bei uns.“
„Aber ich will nicht, ich weiß, wie das wird, ich mag ſie nicht haben.“
„Sei doch vernünftig, wenn es nicht anders ſein fann!. Kann denn nicht jedermann hierher aufs Land?“
„Ja gewiß. Aber — haft du ihr denn gejchrieben —?“
„Daß fie kommen ſoll? ft mir nicht eingefallen.”
„Rein, ob du ihr überhaupt geichrieben haft, du haft nie etwas gejagt.“
„Muß ich denn das jagen? Geb, geh, das ijt
kindiſch. Du weißt ganz genau, daß ich an alle mög- lichen Menfchen fchreibe, ohne dir's anzufündigen. Fällt dir gar nicht ein zu fragen, da, da auf einmal“ er riß zornig an feinem Schnurrbart, „ift denn das etwas anderes wie Eiferjucht? Jetzt weiß ich auch wie’3 wird!”
„Sie joll fortbleiben, ich will fie nicht hier haben! Weißt du nicht vorhin, Ernft? Bitte laß fie nicht Hierher!“
„Aber das find ja Dummheiten. Ach kann ihr doch nicht jchreiben, daß fie mwegbleiben fol, ich kann nicht, jei doch vernünftig!”
„Du wirft fehen Ernft, dann ift alle aus. Und nein, und nein, ich will fie nicht haben!“
„Das ift doch wirklich großartig. Ob es dir nun recht ift oder nicht, ich jage dir einfach, fie fommt und damit bafta. ch weiß ficher, es ift nur dumme, kindiſche Eiferjucht, wegen früher. — Und wenn fie da ift, nimm dich zufammen, da verjtehe ich feinen Spaß, ich will mich nicht mit dir ſchämen. Ya, ſchau mich nur an, fie it Dame bis in die Fingerjpigen, die, ja die ilt eine wirkliche Prinzeifin. — Das bitt ich mir aus, geheult wird jest nicht, ſonſt will ich gar nicht3 mehr von dir wiſſen heute. Nein, nein, jage lieber nichts, ich habe genug, ich will nicht3 hören.“
Jetzt war es ihm recht, daß fie fam, gerade wegen ihr. Das war doch zu verrücdt, einen ſolchen Radau deswegen zu machen. Im Anfang hatte es ihn ja jelbit gewurmt, daß fie jo hereinjchneien wollte. Wie eine Indisfretion, eine häßliche Neugierde erjchien es ihm. Nun war ed doch gut wegen Elifabeth. Sie mußte fich daran gewöhnen, daß er auch mit anderen verkehrte, er jollte wohl immer bei ihr hocden und feinen Menſchen ſonſt haben. Und es war fo notwendig für ihn jeßt, er mußte fich ausfprechen können, mit Elifabeth konnte er nicht reden, mit ihr fchon. Wochenlang jaß er hier außen, hatte feinen Strich an jeiner Arbeit gethan und jeden Tag mwurde der Ekel daran größer. Eliſabeth fiel e8 gar. nicht ein darnach zu fragen, bei ihr — das
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erite Wort, dad mußte er. Und darum, auch darum war e3 gut, daß fie fam. Aber dennoch blieb es eine dumme Gefchichte. Sie würde jein Glü mit Elifabeth nie verftehen, ihm vielleicht daran verderben.
Den ganzen Tag war er mürrijch, jchlürfte und Inurrte im Haufe herum. Immer mußte er Elijabeth beobachten, mit den Augen der anderen anfchauen, und da fand er jo manches was fie belächeln, vielleicht be- ipötteln würde. Er -ärgerte fich über fie, über fich, über Eliſabeth. Wie blöd fie herumging, jo jtier nach- denklich. Zu lächerlich, jolche Aufregung wegen einer Bagatelle. Dabei that fie ihm wieder leid, und als fie abend3 jtill auf dem Divan ſaß, ging er zu ihr Hin, faßte fie am Handgelent, fie ein wenig fjchüttelnd, weil er noch immer ärgerlich war: „Warum ſagſt du denn gar nicht3? Biſt du etwa gefräntt?
„Sch wollte nur ftill fein, weil du zornig warft und aufgeregt.“
„D du Dummes! Aber du fiehit bleich aus, bijt du denn wohl?“
„O ja.“
„Auch nicht traurig?“
„Ein ganz Klein, Klein wenig, du Haft mich doch noch lieb?“
„Du dumme Maus, ja!“
„Gewiß?“
„Gewiß du Kind.“
„Schatz war ein bisl bös mit mir heut!“
„Ja das war ich. Du mußt mir verzeihen, ich war ſo wütend über deinen Eigenſinn, das reizte mich. Schau, mir war's gar nicht recht im Anfang, ich habe ihr nur einmal geſchrieben, und nun kommt ſie gleich! Und dann ſiehſt du, ich kann nicht arbeiten, bin ſo abgeſpannt, das drückt mich, und ſonſt noch vieles, ich muß mit ihr darüber reden, darum iſt es doch gut.“
Nach einer Pauſe legte ihm Eliſabeth die Hand auf die Schulter.
Neuland, herausgeg. v. C. Flaiſchlen 4
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„Kannſt du mir nichts jagen?“
Ernjt hörte nicht darauf. „Du wirft ihr auch nicht gefallen.“
„Iſt das ein Unglüd?”
„Ich will’8 aber haben.“
„Ich will mir alle Mühe geben.“
„Und dann die Eiferfucht.“
„sch bin nicht eiferjüchtig. Gewiß nicht. Es ift doch fo einfach. Ich bin ja deine Frau, aber — wenn du fie lieber Hätteft — ſo, das war's, warum ich mich forgte.“
„Geb, geb, die Tragik!“ rnit lachte gezwungen. „Bott, Maus, das ift alles jo dumm, wir haben un? doch lieb. Sch weiß ja, ich bin efelhaft und könnte manchmal den ganzen Tag an dir herummörgeln, ich verjtehe gar nicht, was es ilt, bejonder8 heute, wenn ich an fie denke. Ich möchte dich ander haben, es ift ja häßlich von mir, dich jo zu plagen, bejonders jeßt, heute, wo ich doch weiß — ich muß Frank fein.“
„sa Schab, das Hat mir weh gethan, daß du es ganz vergefien Haft, — das, weißt du — — was id) Dir gejagt Hab? —“
„Rein, nein, mein Herz, ich habe es nicht vergeffen.”
Er nahm ihre Hand und küßte fie, langſam, fchen. Langſam drüdte er den Kopf an ihre Bruft, langſam ſank er ihm auf ihren Schoß. Und es quoll auf in ihm, heiß und mächtig die große Scheu vor Diejem ewigen Wunder, das Beben vor dem Unbegriffenen, das ih Beugen vor dem geheimnisvollen ‚E83 werde‘.
* * *
„Du, ich bin fo arg neugierig.“
Auf dem Weg zur Bahn war e8, fie wollten Frau v. Tilgner abholen.
„Was es wohl werden wird. Ein Prinz oder eine Prinzefiin? So wie im Märchen, gelt? Ein wirklicher Prinz oder eine wirkliche Prinzeffin, oder jo wie du oder wie ich, feine wirkliche” — — fie ſchielte nach
ihm, es hatte ihn jchon geärgert, aber fie konnte es nicht laffen. — „Sch zähle e8 manchmal an den Kinöpfen ab, oder an den Schritten, bi® da oder dahin, grad oder ungrad. Ach freu’ mich jo! Wenn es nur ein Prinz wäre, wie du, ein wirklicher.” —
„Schäm dich lieber jo Kindiich zu fein. Du ahnft gar nicht, was mit dir vorgeht. Immer und immer und immer derjelbe Leichtjinn. Eine Sünde ijt es bei- nahe, daß jo ein Gejchöpf, ein ſolches Kind Mutter werden joll.“
„Ernſt ich kehre lieber um, du mwarft vorhin fchon jo aufgeregt.”
„Rein, geh nur mit.“
Borhin Hatten fie jchon geitritten.
Nichts war ihm recht. Nicht recht frifiert, nicht recht angezogen, zu gepußt, zu abfichtlich jchön, dann ging fie nicht recht, und dies und jenes, er trippelte fortwährend vor Ungeduld.
„Heit hot's 'n awer wieder!“ meinte das Nannei im Borbeigehen halblaut zu Elifabeth. Aber Ernit hatte es doch gehört, und nun brach das Schimpfen los über die Bauernwirtichaft, das Hoden auf dem Land. Was für eine Dummheit, für fo lang einzumieten, immer mit denjelben idiotischen Bauerngefichtern zufammen jein, das fchlechte Bier trinken müfjfen. Und die Kühe brüllten zu laut, und der Herd rauchte zu oft, und das Nannei und der Ani fümmerten fich viel zu viel um fie; alles, alle® war nicht recht, jelbjt Romano, der freudebellend nachiprang, befam einen regelrechten Fußtritt. Und wie hatte ihn Elifabeth geärgert! Durchaus wollte fie nicht mit zur Bahn. „Was thu ich dabei? Du Haft ja jelbit ichon gejagt, daß fie fich nicht® aus mir machen wird!“
Ja das that fie auch und er meinte ſelbſt, Elifabeth wäre befjer zu Haufe geblieben. Sie war ja lieb mit ihr, aber da war jo viel Protegierendes bei der Be- grüßung, jo viel Hinabneigung zu ihr: „Ob, fie it ja jehr hübſch!“ fagte fie ganz laut zu Ernit, „eine aller-
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liebſte Keine Frau,” aber zu ihr ſelbſt nicht viel weiter. ElifabethH mußte jtumm neben den Beiden hergeben. Die hatten fich fo viel zu jagen von früher, von ge- meinfamen Freunden, von allerlei gelehrten Sachen, Die fie nicht verftand. — Ernſt hatte ganz vergeſſen, daß fie auch da war. Nicht weil fie ihn geärgert hatte, er dachte wirklich nimmer daran. Nimmer, wie fie aus— fah, nimmer, wie fie fic) benahm, nimmer, daß er ge- wollt, fie solle ſchön ausſehen, glüdlih. Der Kopf wirbelte ihm. Das brauchte er, Anregung, geijtigen Berfehr, Verſtändnis. Er Hatte ja in einer Ode big jegt gelebt, und nun war plöglich ein Tumult in ihm, aus allen Ecken flatterte es auf, in allen Winfeln ſtreckte es ſich. — Er hatte gejchlafen, und fie rüttelte ihn auf. Nicht abfichtlich, das brachte fie jo mit, das war ihre Atmosphäre. Nun würde er Mut haben, Vertrauen, ihr fonnte er alles jagen, wie war er froh, daß fie da war!
„Run natürlich biſt du eiferfüchtig, Kleine! Die iſt eine Dame, Herrgott! Du dürfteft froh jein — nur den zehnten Teil — ſperr deine Augen auf Rustica, ferne, lerne!“
„Ich will nicht? von der lernen, ich kann auch nicht. Wenn du mich gern haben willit, mußt du mich gern haben, wie ich bin. Sch werde nicht anders, wenigiteng nicht wie Die, ich bin eben feine wirkliche Prinzeifin.“
„Blech, Blech, komm doch nicht mit dem alten, albernen Spruch! Und immer die, die! Habe Die Güte und drüde dich anftändig aus, ich will es.“
Elifabeth ſchwieg. Jetzt war wieder gar nichts recht, jeit er zu Haufe war. Und fie machte auch alles verfehrt, weil er immer da jaß und zufchaute. Auf einmal ſollte fie alles ander? machen, follte ganz anders werden. Sie hatte gar feinen Willen, e8 ihm zu Ge— fallen zu thun, wenn ihr immer die Prinzeſſin ala Mufter aufgeftellt wurde. Sie konnte fie nicht leiden, wenn fie auch lieb war mit ihr, das jah fie an ihren Augen.
„Aber ihre Augen find doch nicht ſchön?“ jagte fie
— —
plötzlich und in einem Ton, wie wenn Ernſt ſchon wider- ſprochen hätte, „ſo hart und grau, und lauern thun ſie auch.“
Ernſt ſah ſie an, zog die Augenbrauen hoch in die Höhe, lachte und ſagte gar nichts. Am nächſten Morgen ſaß Eliſabeth vor dem Hauſe und ſah den Beiden nach.
Sie wäre auch gern mitgegangen. „Wir wollen ſehr weit gehen, und das iſt nichts für dich.“ Flüchtig hatte ihr Ernſt Adieu geſagt, voll Haſt Frau v. Tilgner nachzukommen.
Da gingen ſie nun in der Sonne, am Bach hin, ſchräg über die Wieſe gegen den Wald. Immer kleiner wurden ſie. Der rote Sonnenſchirm leuchtete wie ein winziger, neckender led aus all dem Grün, tanzte vor dem Berg hin und her, tauchte auf, tauchte wieder — immer Kleiner — war unter den Bäumen verjchwunden. —
„Run jagen Sie mir, mie find Sie eigentlich zu der fleinen Frau gekommen?“ Frau v. Tilgner fragte das plöglich, mitten aus einem anderen Gejpräch heraus.
„Wie? — Ha fie gefiel mir eben.“
„Dad Tann ich mir wohl denken, aber wo und warn, das ging ja jo jchnell, ich war ganz baff.“
„0? ch lernte fie bei ihren Verwandten auf dem Lande fennen, wann? — ja, nachdem ich, nein, nachdem Sie abgereift waren.“
„Ah — jo!” Frau v. Tilgner lächelte. Ein ganz eigentümlicheg Lächeln, das in den Mundwinfeln ſtecken blieb und gar nicht bis an die Augen kam.
„Ratürlich haben Sie jet riefig gearbeitet. Nein? Gar nichts! Wie ift das möglich! Wie kann das fein! Sie müſſen doch weiter fommen! Wenn ich nicht wüßte was in Ihnen ſteckt! — Gerade das jchähte ich jo an Ihnen, Ihre Energie, Ihre Thatkraft, und nun?" —
Ja, nun wollte er nimmer. Er konnte nicht arbeiten, er jah es ein, er taugte nicht zum Gelehrten, er mußte heraus. Uber da war die Kleine Frau — er hatte jie Doch richt geheiratet, um fie vielleicht darben zu laſſen — eine Zeit lang ging e3 ja noch gut. — —
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„Sie weiß natürlich darum?”
„Keine dee! Was joll ich fie damit plagen, ihr Sorgen machen.” —
„Sa, wenn Sie das nicht mit Ihrer Frau beiprechen fönnen — — —“
Beim Abfchiednehmen fahte fie feine Hand feft und hielt fie. Sah ihn lang an.
„sch möchte Ihnen gern etwas jagen. Ich Hoffe, daß Sie mich nicht mißverjtehen. Es mag falt Klingen, graufam, unmöglich, vielleicht Hafen Sie mich aud) Deswegen, es macht mich furchtbar traurig, aber ich muß es Ihnen jagen. ch jehe jo klar, Sie hätten nicht heiraten jollen, nicht die Frau heiraten. Sie hängt wie ein Gewicht an Ihnen, hemmt Sie. Derartige Ehen taugen nicht3. Sie find verändert, zerfahren, und ich glaube nicht, daß Sie noch ftark genug find mit ihr — es giebt nur eines — — — ob Sie den Mut haben? — Uber um Gotteswillen, fommen Sie nur jeßt nicht auf die abjurde dee, daß ich beten mill!“
Und danad) ftelzte fie mit gleichmäßigen, bewußten Schritten davon, ohne Erregung, während er fie hätte mwürgen Können vor Wut. So, jo, daß war ihr Ver— jtehen, jo Half fie ihm? Und beten wollte fie auch nicht? Was denn ſonſt? — Aber nein! nein! warum jollte fie da8 thun?
Se mehr er darüber nachdachte, je näher er dem Haufe kam — Hatte er denn nicht oft ſchon Ähnliches gefühlt, und aus Feigheit unterdrüdt? Allerdings nur ganz lei, nicht jo jchroff, Fantig herausgehauen. Konnte er mit Elijabeth etwas Ernithaftes reden? Hatte fie nur einen Schein von Intereſſe für feine Arbeiten ge- zeigt, fi um feine, um ihre Zukunft gekümmert? Ja— wohl Maul auf! und die Gebratenen flogen hinein. Woher fie famen, und ob es immer jo fortging, jcherte fie wenig. Aber er hatte es auch nicht verlangt von ihr, nur glücklich follte fie ihn machen. Glücklich! bor- nierter Xbealift, der er war! — Dann ſah er fie wieder
droben auf dem Berg im goldgrünen, lenzjungen Buchen- wald, trug fie feit an fich gepreßt, und es war ihm ala müffe er ihr eine Schmach abbitten. Sentimentalität! jo würde Frau v. Tilgner fagen, ganz genau hörte er den fcharfen Ton ihrer Stimme. Ja fie bog feinen Hleinen Finger, ehe fie jich nicht von ihrem Kopf Die Erlaubni® dazu geholt. — Berfluchter Wirrwarr! er mar auch gegen fie ungerecht. Es war doch nur Teil- nahme, fie kannte Elifabeth nicht, oder es war wirklich ihre Überzeugung — von nicht? mehr wiſſen, Ruhe haben, eine halbe Emigfeit jchlafen und beim Erwachen ein anderer Kerl jein, frei, ganz frei, es war mit feiner etivad. —
„Gehſt du Heute wieder mit Frau v. Tilgner fort?“ „Wir haben nichts bejtimmt. Ich bleibe bei dir.” „Gehen wir dann zufammen fort?“ „Meinetmwegen.“
Wie unluftig und finfter er war; mochte nichts reden, nichts eſſen. Stocherte nur fo in den Speijen herum: „Haft du dich etwa geitern mit ihr gezankt?“
„Schwäß’ doch nicht fo, mit ihr zanft man fich nicht herum wie mit dir.“
Aber doch war er verftimmt heimgefommen, wort- farg und zornig. Warf fich die halbe Nacht herum, fie hatte es wohl gehört. Nicht ein einziges Mal jchalt er fie, und fie machte viel nicht recht, ſogar abfichtlich; gar nicht geachtet hatte er darauf. Immer jo mit dem Kopf in den Händen und den Fingern in den Haaren wie jebt. Nicht einmal das hörte er, daß Ani an die Thüre klopfte mit drei Knöcheln zugleich, was bei ihm der Ausdruck großer Höflichkeit war. Nur wenn der „Herr“ da war, that er es.
„Unti kemma follft, Herr Dofder, die Herrifch’ ig drunt’ —“ er nahm die Pfeife vor Erftaunen aus dem Munde, weil Ernſt ganz plöglich in die Höhe fuhr.
„Wo ift mein anderer Rod, mein Hut, fchnell, ichnell! Ich Tann fie doch nicht warten laſſen — —“
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„Sie fünnte ja herauffommen — “
„Ach was, PBapperlapapp, wenn fie nicht mag!“
„Und ich?“
„Und du? ich weiß nicht; geh’ jpazieren, thu’ mas du willſt, ich habe jetzt Feine Zeit.“
Ernft war mit ein paar Sätzen über die Treppe, Frau dv. Tilgner grüßte und winkte zu ihr herauf, er jah fich nicht um.
„Sakriſch, is d'r z'ſammg'richt und a jaumers, ſchneidig's Weiwets is,“ meinte Ani und kratzte ſich mit dem Pfeifenſtiel in ſeinen grauen Borſten.
Eliſabeth nickte. Das fand Ernſt wahrſcheinlich auch.
„Thu' was du willſt, ich habe jetzt keine Zeit!“ Wie oft ſagte ſie ſich das vor die nächſte Zeit! Sie war faſt immer allein. Wenn Ernſt zu Hauſe blieb war er unruhig, empfindlich, gereizt. Hinter allem was ſie ſagte, ſuchte er etwas, fand überall Anſpielungen heraus, daß ſie ganz unſicher wurde. Sie frug ihn gar nimmer nach ihr, traute ſich kaum ihren Namen auszuſprechen. Aber einmal, als er wieder zu Hauſe geblieben und Frau v. Tilgner abermals gekommen war ihn abzuholen, da riß ihr doch die Geduld. Bebend vor Zorn ſagte ſie: „Und du willſt noch behaupten, daß die nicht gewußt hat, daß du ſie geliebt haſt? — Die weiß auch genau, warum ſie hierher kam! — Geh', nur geh' mit deiner Prinzeſſin.“
Da ſchaute er ſie an mit ſeinen großen Augen, die ganz hart und dunkel wurden vor Zorn, und war fort. Ohne ein Wort, ohne Adieu, das erſte Mal. Und nun war ſie allein, immer allein. Ganz ſtill war es um ſie, ſie horchte immer wie ihre Sehnſucht rief, ſie langte immer nach ihm und konnte ihn nicht er— reichen. Er war ſo fremd, verſchloſſen, kalt, und da kam ihr die Furcht. Wenn er ſie einmal umfaßte, küſſen wollte, ſie anſchaute, wie ein Geſtändnis war's, ein Flehen, — ſie bangte davor, Gott, o Gott, ſie konnte nicht, nein, nein! ſie hatte doch das Kind, ſie
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wollte nicht? hören, drängte ihn von ſich. Das Kind, das war das einzige, was fie hielt. Mit zitterndem Sehnen dachte fie daran, mwünfchte e3 herbei, wie ein lebendiges Weſen war es ihr, das ihren Kummer ver- ftand, mitfühlte, das ihr, ganz allein ihr, gehörte, das ihr niemand ftreitig machte, auch er nicht. Ein Wejen, dem fie alles gab, alles jein mußte.
Wie war fie ander geworden! Ernſt hatte Scenen erwartet, Vorwürfe, kindiſche Duälereien, Zornausbrüche, “aber nicht dies ftille Zujchauen. Im Anfang war .jie wohl trogig und wollte auch mit ihm auf dem neuen Weg laufen, hängte fi) an ihn, dann fam dies Nach- jchauen, Zaudern — und nun jchien fie einen Weg für fi) gefunden zu Haben, einen jtillen, ficheren Weg, ein eigened® Leben, ein Leben in der Zukunft, ein Leben mit dem Kinde, ein Leben, das mit ihm nichts zu thun Hatte, das ihn zur Seite job. Er fand fie oft wie im Halbichlaf, ruhend, lächelnd, leiſe flüfternd, allein und wie erwacht erft, wenn er zu ihr ſprach. Und der unruhige Wunjch wachte auf in ihm, fie wieder jo zu jehen wie früher, nicht ernft und wehmütig, ihm jo fern. Er hatte fie ja wieder lieb, er jehnte fich nach ihr, nur aus trogigem Eigenfinn lief er noch jeden Tag mit Frau dv. Tilgner. Das mar auch wieder ein Idealismus gemwejen, was er von ihr erwartete. Im Anfang ja, das that wohl fich Alles vom Herzen reden zu können, das that gut, dieſe Vernunft, dieſes ver- jtändige Sichhineinleben. Aber die Teilnahme hielt nicht lange. Sie wurde müde, fie wollte ihn ungeduldig anders haben, er langmeilte fie, weil er nicht der war, den fie ſich vorgejtellt, weil er nicht that, was fie wollte. Und fie hatte etwas gewollt von ihm von An- fang an, und wenn es nur der Reiz war, jein Schidjal zu Ddirigieren, wenn es fie nur pridelte mit feiner Bu- funft zu fpielen.
Ihm paßte auf die Dauer die geijtige Seiltänzerei nicht, die fie liebte, Dies ewige Stehen auf einen Bein
vor lauter Geiftreichjein, dies Witzigſeinmüſſen und ge- lehrt um jeden Preis, da war er zu ungelenf dazu, es blendete ihn auch nimmer, Hier allein mit ihr. In ihrem Salon ja, aber bei den Bauern? Und noch eins. Am lebten Tag kam e3 heraus. Sie hatte ganz un- erivartet von ihrer Abreije zu jprechen angefangen. Sie wollte am näcdjiten Tage fort. Es war jpät am Abend und ftürmifches, regneriſches Wetter geworden, als er fie nach Haufe brachte. Unter der Thüre blieb fie ftehen, ftill eine Zeitlang, dann fragte fie zögernd, und‘ er glaubte ihre Blide zu fühlen: „Wollen Sie mir, weil ich morgen abreije, nicht doch noch ganz offen jagen, warum Sie Ihre Frau geheiratet haben?“
Sie hatte nie mehr von Elifabeth gefprochen, ihren Namen nicht genannt.
„Sch Habe gar feinen anderen Grund als den, ben ich Ihnen ſchon gejagt, weil fie mir gefiel.“
Er ſtand noc eine Weile neben ihr, dann ſtreckte er ihr die Hand entgegen. Sie nahm fie flüchtig, und ihr Lebewohl Hang fühl. Ernjt ging traurig weg. Es that ihm weh, daß es fo jchal zu Ende gegangen war; er hatte einen dumpfen Widerwillen gegen die Frau, die er nun kannte, jehnte fich nach der, die er früher geliebt — alle um ihn war öde, dunfel, ſchwer, wie die Nacht ringsum. Und jebt jollte er zu Eliſabeth und ihr fagen, ich kann mein Berjprechen nicht halten, dir nicht das Leben bieten, von dem ich dir gejagt, haft du den Mut, mit mir ins Ungemiffe zu gehen? — Jetzt? Und plößlich kam eine Angft in ihn. Wenn ihr etwas paſſiert war? Wie wenn fie nicht mehr da wäre, wenn er heim fam, weil er jo lang, lang von ihr fort- geblieben. Eine jchmerzende Unruhe trieb ihn, wie Die Ahnung von etwas Schwerem, Fürchterlichem lag’3 auf ihm, wie wenn er ein Unglück mit fich zu tragen hätte, unter einer Schuld Feuchen müſſe. — Vol Schweiß und zitternd vor Erregung fam er vor dem Haufe an. Still alles und dunkel, nur aus dem Schlafzimmer ein müdes,
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ſtummes Licht. „Wie ein Totenlicht“, durchfuhr es ihn. So weiß und ſtill lag ſie auch in den Kiſſen, wie eine Tote, das kleine, zage Licht mit dem bläulichen Schein ihr zu Häupten. Die ganze Nacht träumte er davon, ſah ſie im Totenkleide, hielt ſie mit grauenhafter Angſt umklammert, weil ſie kamen und ſie fortnehmen wollten. Dann ſah er ſie in der Erde liegen, ſah Schaufel nach Schaufel auf ihren Leib werfen, und ſie war lebendig. Immer höher ſtieg die Erde, bis an ihr Herz, ihren Mund, ihre Augen, und er war gebunden und mußte hören, wie ſie um Hilfe bettelte. — So ging es fort die ganze Nacht. Als er am Morgen erwachte, war niemand im Zimmer, er rief, niemand hörte, da ging e3 von neuem an. Ein paar Mal war ihm, als höre er Eliſabeths Stimme, aber ganz lei, faum bewußt, nebelhaft verflang der Ton, dann flüfterte man, e8 war ein vorfichtige® Tappen um ihn, Hohl wie aus meiter Ferne. Zuletzt wurde es totenftill, dunfel und erjtorben, in einer endlofen, hallenden Weite lag er und fühlte, wie fein Xeben verrann. Langſam fiderte das Blut aus feinem Körper und er ſank und ſank und fanf. Aber da hielt ihn jemand. Er öffnete die Augen — Elifabeth. Sie hatte den Arm unter fein Kiffen gelegt, er jah ihr weißes Geficht dicht vor fi), — da war er ichon wieder eingejchlafen. Nach ein paar Stunden ward er abermals wach und jah fie deutlich neben fich, den Kopf geneigt und die Augen voll Thränen. Er wollte reden, aber fie winkte ihm, daß er ftill fei. Sie jtreichelte ihn, fuhr ihm über das Haar; weich und janft waren ihre Finger, fie neigte fich über ihn und ihm wars, als müſſe nun Ruhe für ihn fommen, Ge- nejung und Stärke. Da fielen Thränen in fein Geficht, immer mehr, Schluchzen padte fie, fie legte ihre naſſe Wange an die feine und ftorkend ſtieß fie heraus: „Ernſt muß es denn jein? Haft du fie lieber? Ach kann nicht — bleib bei mir — das find —“ mehr verftand er nicht, gurgelnd war es in Stühnen übergegangen.
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Und ex verjuchte den Kopf zu heben und fie an— zufchauen. Es ging nicht, und er mußte es gerade in die Luft Hinausfagen, ftocdend und jchmwerfällig: „O du — Kameel — id — Hab’ doch di — ‚lieb‘“, fchrie Elifabeth mit zudenden Lippen. Gie wollte auf und ihn an fich drüden, doch bejann fie ſich noch. Sanft nur legte fie die Lippen auf die feinen, den Kopf an jeine Bruſt, füßte jeine Finger, und es war wie Jubel in ihren Küffen und Leuchten in ihren Augen. Leiſe Worte jagte fie ihm, thörichtes, unzufammenhängendes Beug, ftammelnde Sehnfucht, Iallendes Glück. — Ihre Wange lag neben der feinen auf dem Riffen. Immer zögernder famen die Worte, Löften fich immer langjamer 108, zulegt ruhte fie neben ihm, ftill, dag Glück und die Geneſung nicht zu jcheuchen und auch ihre Lider jchloffen ih und jie blieb regung2lo8 neben Ernſt liegen, wäh— rend er einfchlummerte. Nun kamen für ihn die Tage der Genefung. Ein jtilles, müdes, glückliches Ruhen mit der matten Schwäche im Körper, laufchend auf das tappende Nahen der Gejundheit, auf das leife Schwellen und Wachjen der Kräfte. Wie eine Pflanze. Erjchauernd fühlte er die Sorgfalt und Liebe und Hingebung über jich riefeln, trank lächelnd die Sonne, die Wärme.
Und die Sonne, die Wärme war für ihn Elifabeth. Er jah nur fie, fühlte nur fie und durch fie das Leben um ihn, dag Leben in dem fleinen Haufe, das Leben draußen. Bon ihr fam ihm Freude, Genejungsmut, Stärke, aus ihren Händen, ihrem friichen Munde, ihren geflüfterten Worten.
An einem warmen Juniabend jaß er zum erjten- mal wieder aufrecht in den Kiffen und jah hinaus auf die reifenden Felder, die Wieſen, ftrogend im ſatten Saftgrün. Eliſabeth Hatte alle Fenfter geöffnet, und der ſüßherbe Kraftgeruch des allererften Heues kam ſchwer und würzig in breiten Schwaden herein.
„Ani und Nannei haben es heute gemäht. Die erite Wieſe. Jetzt wenden ſie's. Siehjt du dort, ganz in
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der Ede unter dem Berg, dem Rieſenkopf, fiehit du jie? Ani mit den weißen Hemdärmeln und Nannei mit dem gelben Tüchel und Romano, ſchau, er iſt auch dabei. Kannſt du das fehen, thut’3 dir nicht weh? Die Augen? Gelt, wie blau, wie veilchenblau der Riefentopf heute ausfieht, und wie ſchön das Getreide davor und die vielen, vielen Mohnblumen, wie die leuchten, das freut dich doch, Ernſt?“
„Und dich, Lieb! Was wirft du machen, arme Haut, wenn wir im Winter in der Stadt find! Du wirft viel, viel Heimmeh haben!“
„Ih? Aber Ernjt! Ich Hab’ doch das Kind! Ach fann ja gar nicht warten, bis es Winter ift und wir drinnen find, mitten im Schnee und es iſt heimlich warm bei uns, und es ijt da, ilt bei ung. Gar nicht ausdenken kann ich's. Denk' nur! Das ift du und ich und nicht du und ich und Doch wir Zwei, ein Stüd von mir und von Dir und doch etwas für fih. Und ich hab's, ich darf ihm alles geben, in mir iſt eg, Ernit, in mir! Gar nicht begreifen fann man das, nicht? Ach fünnte oft weinen, weil ich es gar nicht glauben fann — Du bift arm gegen mich, du dauerjt mich oft.“
„O, mein Weib, liebe, liebe Kleine Frau! Aber dann Haft du mich nimmer jo Lieb!“
„O jchon, ſchon! Ich Hab’ nur fo viel an das Kind zu denken, ich freu’ mich, o mie freu’ ich mich! Was haft du Ernſt, bilt du traurig?“
„Rur ein wenig. ch Hab’ dir viel, arg viel zu jagen und ich fürchte — es quält mich aber, ich werde nicht ganz geſund big es herunter ift vom Herzen. Xieb, ich kann meinen Doktor nicht machen, ich fann nicht. Ich tauge nicht zu einem verfnöcherten Gelehrten.“
„sit das alles? Das habe ich jchon lange gemerft. Du haft ja nicht arbeiten können.“
„Sa, aber — du weißt nicht, was das heißt — “
„Doch. Daß wir mit dem Wenigen ausfommen müfjen, da® wir haben.“
— —
„Ja, — und jetzt wo das Kind kommt — nein —“
„Sei doch ftill! Ich fürchte mich nicht. Es wird ion was aus dir — ijt ja gleich) was —“
„Weißt du das?“
„Jawohl mweiß ich’. Verhungern thun wir nicht, ich bin auch noch da, wenn es fehlt, glaubjt du, daß ich Dich deswegen weniger lieb habe?“
„a, ſiehſt du, Maus, ich bin eben kein wirklicher Prinz.“
„Und ich keine wirkliche Prinzeſſin!“ jubelte Eli— ſabeth, „dann paſſen wir erſt recht zuſammen jetzt, ich bin ſo froh, ſo froh Ernſt —“
„Nein, Herz, du biſt eine wirkliche Prinzeſſin, nur nicht die aus dem Märchen, eine ganze andere, meine Prinzeſſin. Wie heißt es im Märchen?
„Da nahm der Prinz ſie zur Frau, denn nun wußte er, daß er eine wirkliche Prinzeſſin beſitze. .... Siehe, das ilt eine wahre Gejchichte.“
„Einen Kup, meine PBrinzejfin, noch einen — und noch einen — ich fürchte mich nun nimmer!“
Max Preyer
Bunger
*
Bunger Skizze
Sünfzig Mark! Fünfzig Mark auf einem Brett! Und das für Kleinigkeiten — für eine furze Skizze und ein paar Gedichte! Wie lange hatte er groß daran ge- “ arbeitet? Wenige Stunden nur. Er Hatte es jo aus dem Armel gejchüttelt.
Fünfzig Mark! Und von dem litterarifch bedeutenditen Blatt der Reich3hauptitadt waren die Sachen angenommen!
Es waren beileibe nicht jeine beiten. Er hatte jchon viel Tiefered und Machtvolleres gejchrieben. Und unver- gleichlich viel Größeres würde er noch leiten! Er fühlte, wie es in ihm gährte und mwogte und glühte!
Jetzt konnte es ihm nicht fehlen! Wie war es nur möglich, daß die Bedenken ihn nicht losgelaſſen, daß er jo Klein, jo jchwächlich) und mutlo8 gewejen! Wie war e3 denkbar, daß er nicht längit den Staub der Hörjäle von feinen Füßen gejchüttelt hatte!
War das Philvjophie, was die Kathederdrüder da dozierten? Diefe Schlafmüten, die nicht ahnten, daß der Inbegriff aller Philoſophie die Freiheit ift! Dieje
Be ME
Perrücenföpfe, deren Gedanken fich begnügten und be- bagten, in dunfeln, dumpfen und verfchnörfelten Win- dungen herumzufriechen?
Und was jollte aus ihm werden? Ein Schulmeifter. Sp hatte es der Herr VBormund angeordnet. Aber jett war er mündig!
Unter das Koch des Beamtentums follte er fich ducden! Nimmermehr! Ein Bauernjohn beugt den Naden nicht! Und ein Dichter erjt recht nicht! Nein!
Er gehörte dem Leben, dem Kampfe.
Und dahin mußte er, wo das Leben am macht- volliten brandet, wo der Kampf am wildeften tobt — nach Berlin!
Daß er nicht längſt da war, wo er hingehörte! Daß er nicht längſt in der erſten Schlachtreihe jtand, Die, Mitleid und Mannegitolz im Panier, gegen die über- mächtige Brutalität des Geldes, des Strebertumg und des Byzantinismus mit Todesverachtung anfämpft! Er fam fich deshalb wie ein Drücfeberger, wie ein Feig- ling vor.
Yet gab es fein Säumen mehr. Morgen noch wollte er fahren. Nach Berlin — nad) Berlin!
Was er zu ordnen hatte, war bald gethan. Nichts Teures ließ er zurüd. Keinen Freund — er hatte überall nur loſen Anjchluß gefunden; den einen war er zu ftolz gemwejen, den andern nicht vornehm genug. Und auch fein liebes Mädchen. Sein Herz hatte fich feiner zugewandt, und zum Liebeln war er zu unbeholfen und zu ehrlich. Keine Thräne würde um ihn fließen — um jo bejfer.
Aber Luftig ftimmte es ihn, da er daran dachte, wie wohl die Herren Brofefjoren die Augen aufreißen würden, wenn ſie erführen, daß er jo plößlich, mitten im Semejter abgedampft jei. Und fein gemejener Bor- mund, der alte Kaffer, was der dann wohl jchnaubte! Bei diefer VBorftellung mußte er laut auflachen. Und die ganze Gejellichaft in der Mufenftadt, dem Klatjchneit, wo alles gleich herum war — wie mwirden fie die Köpfe
— —
ſchütteln, wie würden dabei die vertrockneten Gehirn— rudimente in den hohlen Schädeln raſſeln!
Jahre hatte er vertrauert und verloren. Jammer- ihade war das. Aber jet wollte er es wieder ein- holen. Er wollte wieder gut machen, was er gefehlt. —
Berlin war ihm unbefannt. Staunend thaten feine hellen Augen fich auf, als ihn die Wogen jo gewaltigen Lebens umbraujten. Und dann jtellte er fich auf der - Straße beijeite, troßgig in jeiner Einſamkeit, ſich auf- lehnend in feinem gejteigerten Jchgefühl gegen das Mafjen- bafte, Mächtige, Ungeheure, das ſich ihm wie etiwas Geſchloſſenes, ihm Entgegengejettes, ihm bewußt Feind- jelige® bot. Hier — das bin ih — und das Undere, all das Andere ijt mir entgegen, iſt mir feind! Es hat fich vereinigt, jic) zujammengethan zu unermeh- licher drohender Wucht und Größe! Aber es jchredt mich nicht — ich fürchte die Mafje nicht — ich bin mehr ala die Maſſe. Ach bin ch!
Er freute ſich fogar, daß es fo viel gab außer ihm. Um jo mehr wurde er jelbit, um jo größer, um jo reicher und ftärfer. Eine Unzahl neuer Eindrüde, die jeine Phantaſie befruchten, feinen Geiſt nähren, jeine Empfin- dung vertiefen mußten!
Hier war fein Platz. Hier mußte er ſich auswachſen zu ganzer ftolzragender Höhe. —
Er Hatte ein Kleines nach dem Hof gelegenes Zimmer im fünften Stocd gemietet. Und doch hatte er noch nie jo teuer gewohnt. Schmählich hohe Preije! Aber mas (ag daran? Er Hatte ja Geld genug. Wenn er all die geitundeten Kollegiengelder bezahlt hatte — und das wollte er jofort! Daß er fich überhaupt auf dieſe er— bärmliche Pumperei eingelafjen! Aber der Vormund, der Banauje, Hatte e8 ja jo haben wollen! — mwenn das abgemacht war, dann blieben ihm immer noch drei- bis vierhundert Mark im Bermögen.
Und welch einen unverfiegbaren Born dichterifcher Schaffenskraft trug er in fih! Was mwürde er jebt
Neuland, herausgeg. v. E. Flaiſchlen 5
leiiten können! Was könnte ihm mohl gejchehen! Er fühlte fich jo ficher in diefer neuen Welt.
ber ein Meer von Dächern blicdte er aus feinem Fenſter. Aus den Schorniteinen jtieg dunjtiger Dualm zitternd auf in die trübe Falte Januarluft: Es war überall nur ein dünnes, blaſſes Geflader. Nirgends gewahrte er wirklichen gemütlich dicken, behaglich ſchwe— lenden Raud).
Nervös wie die Großſtadt, fagte er fich. Aber das ftörte ihn nicht. Er Hatte feine Sehnjucht nach langſam— robufter Hausbadenheit. Er Hatte lange genug Hinter dem Dfen gejejjen, lange genug in enger, jtiller Ge— mächlichfeit und Befchaulichfeit gelebt. Sekt war es andere. Im Laufichritt ging e3 vorwärts. Die Bahn war jest frei. Die Schranken jeines bisherigen Dafeins waren durchbrochen. Bor ihm lag die große freie Welt.
Wieder jchmweiften jeine Blicke über das unabjehbare Häufermeer. Er fühlte ſich nicht mehr im Gegenjat zu der Mafje — ihm mwar es jebt, als trüge fie ihn empor.
E3 309 ihn zur Arbeit. Das dumpfe Braufen, die Atemzüge des NRiejenleibes, die zu ihm ins Zimmer drangen, jtörten ihn zuerſt. Dann aber tönten fie ihm beraujchend wie Schlachtmufif ins Ohr, und in machtvoll ftürmenden Strophen fang er feinen Gruß an feine neue Welt. —
Um mit den litterarijchen Kreiſen Fühlung zu be- fommen, fuchte er am andern Tage den Chef-Redakteur des Blattes auf, das feine Erftlinge veröffentlicht hatte. Er fand einen hagern rejervierten ältlichen Herrn, deſſen Geficht fich bei der Begrüßung in bureaufratifche Falten legte. Dann zeigte der Geftrenge viel günnerhaftes Wohlwollen, offenbarte auch Verſtändnis für das Talent des jungen Dichters, und zumeilen flog jogar aus jeinen Augen ein Strahl halb inbrünftig Halb neidiſch deſſen ungeftümer, ftolzer Jugend entgegen.
„Sagen Sie 'mal, Herr Burkardt — Sie müſſen
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mir ſchon erlauben, daß ich mich für Sie intereſſiere — Sie wollen ſich alſo hier in Berlin niederlaſſen?“
„Ich wohne bereits hier.“
„So, ſo. Schon lange?“
„Seit ein paar Tagen. Ich habe eben mein Stu— dium an den Nagel gehängt!“
„Hm — wirklich? Und nun wollen Sie bier in Berlin als Schriftiteller leben?“
„Ja.“
„Ohne irgend einen Nebenberuf?“
„Ja. Zu einem Nebenberuf tauge ich nicht.“
„Das iſt ja — ein ſehr nobler Standpunft — aber wenn Sie kein großes Vermögen haben, werden Sie nicht weit damit kommen. Sie haben ja ein hervor— ragendes Talent, und wenn es ſich erſt geklärt hat, werden Sie ſicherlich auch den Weg ins Publikum finden. Indeſſen, um vom Dichten, vom Schriftſtellern allein leben zu können, dazu braucht man erſt einen großen Namen. Haben Sie nicht Luſt, Redakteur zu werden?“
„Nein.“
„Nun dann brauchen wir ja darüber keine weiteren Erörterungen zu pflegen. Im Übrigen wäre es mir auch ſehr zweifelhaft, ob Sie in abſehbarer Zeit einen Poſten finden würden. Der Andrang iſt enorm. Jeden— falls freut es mich, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben.“
Hana Burkardt trug ein neues Manuffript in der Taſche. Er Hatte es dem Herrn Chef-Redakteur einhän- digen wollen. Aber der Eindrud, den diefer auf ihn machte, wirkte jo enttäufchend, daß er feine Dichtung ruhig ſtecken ließ.
Das war nun Einer, der Verſtändnis für ihn hatte! So ein faltherziger, matter, abgeftandener Geift!
Wie hatte er fich ihn ausgemalt: jo groß und feurig und hochftrebend! Ein Kampfgenofje, ein Gefinnungs- bruder, der ihn an fein Herz ziehen würde! Und was hatte er gefunden? Einen Kerl, der auch nicht anders war mie feine verfloffenen Brofefjoren. Und das war
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Einer, der ihm Verſtändnis entgegenbrachte! Wie mochten da erſt die andern außjehen!
Vielleicht, daß er ihm Unrecht that. Sicherlich) hat er doch viel zu thun — viele Erjcheinungen treten ihm entgegen — jo manches dringt auf ihn ein. Das bringt jein Poſten auf der Warte der Zeit jo mit fih. Da ftumpft die Empfänglichfeit fi) ab. Und mwohlmollend war er doch immerhin gewejen — und anerfennend —
Er beichloß, ihm dag Manuffript durch die Poft zu ſchicken.
Nac vier Tagen fam es zurück mit dem Bejcheib, daß der Inhalt zu überichwänglich und zu weitftürmend fei.
Wirklich!
Er hätte bei dem doch eigentlich diefe Entjcheidung voraugjehen müſſen! —
Ganz andere Leute lernte Hans Burkardt demnächſt fennen. Das waren Kerle! Die hatten den Teufel im Leibe. Da war Troß und Kraft und Freiheitsgefühl. Da war revolutionäres Empfinden, das feine Menjchen- furcht kannte. Und da war Talent — telterlöjende fünftleriiche Kraft!
E3 lebe die Souveränität des Talents!
Anders find die Künftler als die andern Menjchen. Narren, die fie mit der Elle der Philiftermoral mefjen wollen. Narren, die den jo Gemefjenen jelber ein uner- ichöpflicher Duell der Heiterkeit find. Für den Künftler giebt es nur eine Moral — die Freiheit.
Boll Begeijterung rüftete fich Hans, in diefer Reihe den Kampf gegen die Gejellichaft fortzujegen. Und mit naiver Freude jah er zuerit manchen Eleinen Plänfeleien zu, die diejer oder jener jeiner neuen freunde mit dem Hauptpionier aller gejellichaftlichen Ordnung, dem Ge- richtsvollzieher, auszufechten hatte.
Heute war er bei Ernit, dem Epifer. Sie ſchwelgten in großen Ideen. Dazu tranken fie dänischen Korn. Ein Dichter braucht das, meinte Ernſt.
Ä Schrill wurde die Glode gezogen. Die Wirtin
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hufchte an der Thür vorüber nach dem Lugaus. Dann kam fie zurüd, jchlug zweimal mit dem Haden gegen die Thür, und dann erjt ging fie langjam öffnen.
In Ernft, der laufchend dageftanden hatte, war nad) jenen Klopftönen behendes Leben gefommen. Bligichnell holte er fein Portemonnaie heraus und ſteckte es Hans in die Tafche. Dann eilte er an den Schreibtiih, nahm das Falzbein, eine feine künſtleriſche Arbeit, und ließ es gleichfall3 bei Hans verjchwinden.
„So! Jetzt kann er kommen,“ jagte er zappelig- vergnügt.
Gleich darauf that die Thür fich auf, und ftelzenden Schrittes trat: der Gerichtsvollzieher -ein.
„Zag, Herr Gerichtsvollzieher! Na, mie geht's? Hab’ Sie recht lange nicht gejehen!“
„Herr Schuhmachermeifter Beermann!“ fagte der Beamte fchlechthin.
„Muß warten, der gute Schuhmachermeijter Beer- mann. Hab’ auch auf feine Stiefel warten müfjen. Und Stiefel bezahlen ift viel jchwerer als Stiefel machen.“
„Wollen Sie mir gefälligit einmal Ihr Porte— monnaie zeigen?“ |
„Hätt’ ich auch ein? Ach Hätte man keins!“ Er zog feine Tafchen heraus — ein altes Mefjer fiel auf die Erde, ein paar Schlüffel und eine Rolle Kautabak, Die aus der abgegriffenen PBapierhülle hervorlugte.
„Danke.“ Ohne Vertrauen jah fich der Mann der Drdnung im Zimmer um.
„Aber darum feine Feindichaft nicht!” begann Ernit von neuem. „Es thut mir fo leid, daß Sie immer ver- geblich fommen. Darf ich Ihnen 'n Schnaps einjchenten? Nee? Aber 'ne Eigarre nehmen Sie doch? Darf ich Ihnen 'ne Cigarre von meinem Freund Hans anbieten? Ich rauch auch eine mit! Na Hans! Heraus mit, den Würmern! Das ift nämlich 'n Kapitaliſte! Raucht 'ne feine Nummer!” -
Hana war ftill geworden. Ein nachdenflicher Zug
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trat in fein Geficht, und offener Unmut fprach aus feinen Zügen, als der Beamte gegangen war.
„Du fiehit ja jo bös aus?” fragte Ernſt. „Die Eriftenz hat wohl deinen Zorn erregt?“
„Das nicht — aber — ich geb mich - zu ſolcher Hehlerei nicht wieder her!“
„Paragraph — dreihundert — und vierundzwanzig, Poſitio ſieben. Gefängnis nicht unter zehn Monaten.“
„Dummes Zeug! Davon iſt nicht die Rede! Aber die Feigheit bei dieſem verlogenen Verſteckſpiel — — damit will ich jedenfalls nichts wieder zu thun haben!“
„sa — das iſt ja alles recht ſchön — aber 'n Gerichtsvollzieher! Bedenke doch: 'n Gerichtsvollzieher! Und der Schuſter Beermann — das iſt 'n reicher Kerl! Arme Handwerker würd' ich natürlich niemals ’rein- legen! Uber der Beermann hat 'n Haus in der Wein- meifterftraße. Na, proft! Woll’n uns wieder ver- tragen!” —
Hans behielt jeine eigene Anschauung für dieſe Ber- hältniſſe. Dieje Freiheit der Berlogenheit, wie er es nannte, konnte ihm denn doch nicht imponieren. Und jeine Begeifterung für dieſe Feinde der Gefellichaft fühlte fi” merklich ab. Umfomehr, als fie ihn jelbft, den „Kapitaliften”, in die Reihe ihrer „Ehrengläubiger“ ein- jtellten. Bon Wiedergeben war nicht die Rede.
Er zog fich wieder mehr in fich ſelbſt zurüd.
Arbeiten! Arbeiten! Er brauchte e8 für fig, für jein Inneres, und auch für jeine äußere Lebensführung. Sein Vermögen ging auf die Neige.
Ein Drama beichäftigte ihn — ein großer Entwurf. „Mut und Mitleid“ follte der Titel jein. Keine Alle- gorie jchlechthin — frifches, ſtrotzendes Leben, mie es zur Allegorie ſich verklärt. Keine ausgetretenen Bahnen. Und ein Todesurteil für die „Furcht“, an deren Stelle der Mut treten muß. Mut und Mitleid! Eine neue Lebens- und Kunftanjchauung! Mit der alten „KRatharfis“ wollte er aufräumen!
SPra, ,
Seinen äjthetiichen Refleftionen entiprangen ein paar Abhandlungen, die er zu verwerten juchte. Zuerft dachte er an den ihm befannten Chef-Redafteur. Wenn der auch) damals feine Arbeit abgelehnt Hatte! Daß er aus rein jachlidem Grunde fo verfahren war, das zu bezweifeln hatte er fein Recht.
Aber es miderftrebte ihm doch, fich wieder an ihn zu wenden. Die Enttäufchung, die deſſen Perjönlichkeit in ihm machgerufen hatte, wirkte zu fehr in ihm nad). Und fo fandte er die Auffäge an ein anderes Blatt, defjen Sonntagsbeilage von einem modernen Geilt redigiert wurde.
Die Arbeiten wurden angenommen.
Nach einigen Tagen bat ihn der Redakteur jener Sonntagsbeilage brieflich, er möchte fich zu einer Be- ſprechung freundlichft auf dem Redaftionsbureau ein- finden.
Er ging hin. In dem, der an ihn gejchrieben hatte, lernte er einen Mann von fräftig-majfiver Art kennen, die ihm zujagte.
„Wir brauchen einen zweiten Theaterkritifer" — erklärte der ihm — „der andere bin ih — in Ihren Auffägen Hab’ ich viel Eigenes gefunden — der Chef- Redakteur hat mich gebeten, ihm eine Kraft vorzufchlagen — id möchte Sie empfehlen, wenn ich Ihnen damit einen Dienjt erweiſen fann.”
„Sehr freundlich — aber ich weiß doch nicht, ob meine Unabhängigkeit nicht dabei leiden würde —“
„Das dent ich nicht. Sie können bei und ganz offen ihre Meinung jagen. Und dem eigentlichen redaktio— nellen Dienjtzwang bleiben Sie ja fern.“
„sch möcht es mir doch überlegen. Bis morgen. Dann will ich Ihnen Beicheid bringen.“
Er ging mit fi) zu Rate. Der Mann gefiel ihm; er hatte etwas Feſtes, Klares, Beitimmtes. Davon, daf er einem Chef-Redakteur unterthan war, konnte man bei ihm nicht? merken.
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Ob er nicht unabhängiger war, als jene genialen „Freiheitslumpen“, wie der ſchöne Willi ſich und feine „Brüder” mit Stolz nannte?
Bei Hans regte fich der Ordnungsſinn, die ihm an- erzogene öfonomijche Sorgjamteit. Er hatte nur noch etwas über fünfundfiebzig Mark. Dazu würde freilich noch das Honorar für die angenommenen Artikel kommen. Aber wie lange jollte da reichen? Daß man vom Dichten allein nicht leben könne, das dämmerte jetzt auch in ihm auf. Und Artikel Schreiben — vielleicht in Hin- ficht und Rüdficht auf ihre Brauchbarkeit — dann eben jo gut Theaterfritiflen — oder noch lieber. Ya, noch eher!
Am andern Tage erklärte er, daß er die Stelle annehmen wollte. Er wurde jogleich dem Chef-Redafteur vorgeſtellt. Das war ein grobfnochiger, langmeiliger Geſelle, der ihm höchſt überflüffig erichien, bis er das Gejchäftliche feitiegte.e Die Bedingungen waren jehr günftig, dag ließ fich nicht leugnen.
Bon den anderen Redakteuren der Zeitung lernte er am jelben Tage noch einen kennen — ein fettes, rofiges, fröhliches Kerlchen, an dejjen unbefümmerter Lebenzluft er fich freute und mit dem er fich gern unter- hielt, fo oft er ihn traf.
Fünf Kritiken etwa hatte er gejchrieben, da wurde im Deutjchen Theater ein Schauspiel aufgeführt, das leb— hafte Meinungsfämpfe entfejjelte. Ihn Hatte, troß viel- facher Mängel in der Kompofition und der ungleich- mäßigen Charafteriftif, der dichterifche Geilt, der das Ganze durchbraufte, und die Kühnheit des Problems fortgerifjen, und noch an demfelben Abend jchrieb er nicht bloß eine Vornotiz, wie es font der Brauch, jon- dern mit fliegender Feder eine ausführliche eingehende Würdigung des Stüdes. Er wußte, daß e3 gut war. Und andere bejtätigten es ihm.
Zwei Tage fjpäter fand er in dem Blatt eine An- merfung, die jich auf eine Mitteilung aus dem Direktions- bureau des Deutjchen Theaters bezog, und in Diejer An-
——
merkung wurde ſein Urteil über das Stück in Erwägung gezogen — einer Kritik unterworfen — und abgeſchwächt — alſo umgeſtoßen —! — —
Er traute ſeinen Augen nicht — er las es zum zweiten Mal — allerdings! — Abgeſchwächt und damit umgeſtoßen! — Und dazu noch die plumpe Vorſicht, mit der das gemacht war —! — —
Sofort eilte er zum Chef-Redakteur.
„Darf ich Sie bitten, mir Aufichluß zu geben, wie dieje Anmerkung in die Zeitung gelangt ift?“
„Ganz einfach — die hab ich geichrieben und in Sab gegeben!“
„So — Sie jelbit alſo —! —“
„sa — und bdiejes Recht werde ich mir doch wohl vorbehalten müſſen. Wenn ich es für nötig halte, meiner eigenen Überzeuguug Ausdrud zu geben —“
„So? Nun, dann find wir fertig miteinander! Glauben Sie, ich geitehe Ihnen das Recht zu, meine Meinung einfach niederzutreten? Bloß, weil Sie Die größten Stiefel anhaben? ch dent ja gar nicht d’ran!“
Damit warf er ihm den Kram vor die Füße.
Als er dann mit dem erſten Theaterfritifer zu- fammentraf, erklärte der ihm, daß der Herr Chef im Intereſſe jeine® Machtbewußtjeind bei Neulingen gerne ſolche Handftreiche ausübte, man könnte ihm das aber durch ruhige Entjchiedenheit gleich das erjte Mal für immer abgewöhnen. Er, Hans Burfardt, jei wohl jofort zu heftig in3 Zeug gegangen.
„Iſt mir ganz egal,” entgegnete der. „Darin veriteh ich feinen Spaß!“
Der andere ihm näher befannte Redakteur, der rofig Vergnügte, bielt ihm eine Vorlefung. So käme man nicht durch die Welt. Bugeftändniffe müſſe man doch nun einmal machen, abjolute Freiheit gäbe es doch nicht, und da das einmal fo wäre, käme es Doch weiß Gott auf ein bischen Mehr oder Weniger nicht an. Damit hatte er fich bei Hans an den Rechten gewandt.
— —
„Ich will Ihnen was ſagen: Wer in begrifflichen Dingen verallgemeinert, iſt ein Rindvieh — und wer das im Ethiſchen thut, der ift einQump. So wenigſtens denke ich.“
„Danke!“
„Bitte!“
Damit war Hans Burkardt Hier fertig. Er atmete tief auf. Dann doch lieber zu den Zigeunern, zu den Ausgeftoßenen! Die duden fich wenigſtens nicht unter die Knute einer brutalen materiellen Macht.
Uber er brauchte feinen Anhang. Er fühlte fich ftark durch fich felbft. Und in der Einjamfeit gedieh feine Runft am beiten.
Mit erneuter Kraft jchuf er jet, wo er die Feſſeln abgemworfen hatte, an jeinen Dichtungen. Sie nahmen ihn fo gefangen, daß fich ökonomiſche Sorgen erjt dann bei ihm einftellten, als er feine Mittel erjchöpft jah.
Er mußte ſich einjchränfen! Anſpruchslos wie er war, konnte ihm das nicht ſchwer fallen. Inzwiſchen würde er ja auch wieder verdienen. Er hatte mehrere Gedichte, ein paar Skizzen und auch einen Aufſatz ver- landt. Abwarten!
Seine Wohnung wollte er aufgeben. Im Borort oder Doc weiter aus der Stadt hinaus konnte er viel billigeres Unterfommen finden. Und wenn er dann in der Volksküche aß — jo viel mußte das Dichten doc einbringen!
Trefflich gelang ihm alles, was er anfaßte. Nie war jeine Seele jo voll Stimmung gewejen. Alles, mas er aufnahm und in ihren Schein tauchte, wurde zum Gedicht. Die trübe Kneipenlaterne, die ſich in den Regenlachen der Straßen ſpiegelte, ſie leuchtete ſo gut ſeiner Empfindung wie die ewigen Sterne. Er ver— achtete das Kleinſte nicht — es wurde ihm groß durch die Verinnerlichung ſeiner Kunſt. Und erſt wenn er das Niedrigſte, das Gemeinſte angeſchaut hatte mit warmem, innigem, mitleidsvollem Auge fühlte er ſich ſtark, in trogig-fühnem Fluge zum Höchſten aufzuſteigen.
Und das fonnte er, weil fein Geiſt frei war, meil nicht3 auf feiner ftolzen Seele laitete.
Sein Stolz! Den mußte er fich bewahren, das war der Inbegriff feines Lebens, jeiner Kunſt.
Das bischen Darben — was lag daran! Er war jung und fräftig und gejund. Wenn er erjt befannt war und berühmt, dann brauchte er fich ja nicht mehr ein- zufchränfen. Big dahin wollte er fämpfen! Er freute fi) fogar dieſes Kampfes!
Seine Wohnung gab er alfo auf. Im äußerjten Norden, an der Tegeler Chaufjee mietete er jich ein Heine3 notdürftig eingerichtetes Zimmer für neun Mark monatlich. Seine Wirtzleute waren ein finderlojes Ehe- paar. Er war Fabrifarbeiter, fie wujch außer dem Haufe. So blieb er den ganzen Tag ungeftört.
Sein Gegenüber waren die Nehberge, traurige Sandhügel, über die verfrüppelte Fichten matt, tie eriterbend hinkrochen.
E3 war inzwiichen Sommer geworden. Wenn die Sonne brannte, zitterte dort die heiße Luft bang und wie klagend über der dürren verjchmachtenden Erde.
Kein freudiger Ausblid war das für ihn. Und zeitweilig wehte es wie Gluthauch der Vernichtung feine Schaffenskraft an. Aber fein ftolzes Bemußtfein trug immer wieder jeine Seele empor in freiere, friichere Höhen.
Sonntag war e3. Die hochbepadten Pferdebahn- wagen jchleppten die Menjchen ins Freie, nach Tegel. Unmiderjtehlich 309g es auch ihn hinaus. Er jehnte fich nach Waldluft und nach frohen Gefichtern.
Sorgfältig bürftete er feinen guten Rod. Der wollte ſchon etwas fadenfcheinig werden, konnte fich aber immer noch fehen laffen. Und dann auf den Weg!
As er fi in Tegel am Waldesraufchen gütlich gethban Hatte, ſetzte er fich im Garten des Rejtaurants bin und bejtellte fich ein Glas Bier. Das Eonnte er fich heute am Sonntag erlauben.
Frohe Menjchen rings um ihn herum. Aus dem Saal klingen die Töne eines zärtlichen Walzerd. Er ichlägt mit der Zußipige den Takt. Und dann über- fommt ihn die Jugendluft.
Er geht in den Saal hinein. Nicht weit von der Thür fteht ein munteres, blutjunges Ding mit großen, wie ermwachenden Augen. Er fordert fie auf und tanzt mit ihr herum, big die Mufif ſchweigt. Munter plau- dert er mit der Kleinen. Da kommt der Tanzmeijter und fordert einen Groſchen von ihm. Darauf febt die Mufit wieder ein, und er freift noch einmal mit feiner Tänzerin durch den Saal. Dann giebt’3 eine Polka.
Er verabichiedet fich von der Kleinen und jebt ſich draußen wieder an feinen Tiſch zu der Neige Bier. Wie gern hätte er meiter getanzt mit dem reizenden, friichen, jungfrohen Gefchöpf! Und wie gern hätte er fie eingeladen, fich an feinen Tiſch zu jegen! Aber er hat ja fein Geld — vierzig Pfennig befigt er noch alle® in Allem. Und davon gehen fünfzehn für das Bier ab.
Er bezahlt und tritt niedergeichlagenen Sinnes den Heimmeg an.
Zuftige, lachende Paare begegnen ihm. Jeder Burjche Hat fein Mädchen. Für ihn giebt es jo etwas nicht.
Ein trauriger Sonntag. Er fühlt fich jo verlafien. Aber er übermwindet’3. Wenn nur erft fein Drama fertig it! Dann iſt mit einem Schlage alles gut! Solange aber heißt es ausharren! Nur nicht der Knechtichaft verfallen! Dann ijt es ja vorbei mit feinem Können!
Am andern Tage Hatte er noch fo viel, daß er fich in der Volksküche ſatt efjen konnte. Danach bejaß er feinen voten Pfennig mehr.
Er Hatte fich diefe Lage doch leichter gedacht. Er hatte fich diefem Nicht? gegenüber jchwindelfrei vor- geitellt. Jetzt jah er, daß er es nicht war. Jetzt fühlte er, daß die Sorge fich in jeinem Hirn einnijten wollte.
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Das darf nicht fein! Er wehrt fich dagegen mit ganzer Kraft. Ein Dichter darf nicht jorgen um den fommenden Tag. Wer weiß, was morgen gejchieht! E3 find ja noch verjchiedene Arbeiten von ihm unter- wegs. Vielleicht erhält er morgen den Bejcheid, daß das Eine oder Andere angenommen it. Dann fann er ja gleich das Geld erheben. Und für den äußerjten Fall hat er ja noch die Bücher. Er hängt fehr an ihnen. Schwer wird es ihm, fich von ihnen zu trennen. Aber wenn e3 fein muß — —
Am andern Morgen ift er ohne Nachricht über feine Arbeiten. Er nimmt drei Bücher unter den Arm , und geht in die Stadt hinein, zum Antiquar. Erbärm- lich Hein ift der Erlös. Das ärgert und jammert ihn. Aber was hilft’3?
Immer mehr von jeiner geringen Habe muß er veräußern. Über die Kümmernis aber kommt er all- mählich leichter hinweg.
Ha! Be leichter das Gepäd ift, um fo fchneller geht es vorwärts! Nur fich felbjt treu bleiben, nur nicht jeinen Weg verlieren! Nur feine Gefinnung nicht im Stich lafjen!
Sein Drama nähert fich feinem Ende. Das iſt eine That! Er hätte fie nicht vollbringen können, wäre er in Abhängigkeit geraten, hätte er fich verfauft. Ein reines, freies Gewiſſen! Ohne das feine reine Kunit.
Wenn er mit dem Werk an die Öffentlichkeit tritt, ift e3 vorbei mit aller feiner Not. Nur ausharren! Nur den Mut nicht verlieren! |
Heute fühlt er zum erjtenmal wirklichen, zehren- den Hunger. Sein Geld hat gerade noch zu ein paar trodenen Schrippen und einem Schnaps gereicht. Aber die Gedanken ftrömen ihm nur jo zu, und in jeiner VBhantafie Leuchten die frifcheften, farbenglühenditen Bilder auf. Das dankt er feiner ftolzen Kraft.
Am nächjten Tage Hat er nichts? zu eſſen. Ver— fauft ift alles bis auf dag Notdürftigite. Seine Hoff-
— in
nung, mit den kleineren Arbeiten Geld zu verdienen, ift erjchüttert: fie find ihm als unverwendbar zurüd- gefandt. Sie an andere Redaktionen fchiden? Aa, wenn das Porto nicht wäre! Sollte er damit haufieren gehen?
Es mwühlt und brennt ihm in den Eingemweibden. Bor feinen Augen flimmert es. Seine Gedanken tau- meln durcheinander. Er fann nicht arbeiten — Brot! Brot! — — —
* * *
Er madt fi auf den Weg nach der Stadt, Die Manuffripte in der Tafche. Kalt wie Todeshauch weht ihn die Herbitluft an. Langſam geht jein mattes, fröftelndes Blut ihm durch die Adern.
Alles, was ihm begegnet, ift in friicher, Tebendiger Bewegung. Sie alle dienen ums tägliche Brot. Dem Dienjt der VBerdienft. Warum dient er nicht auch? Zit er befjer als al’ die andern? Iſt fein Stolz nicht frevelhafte Überhebung — nicht Wahnfjinn?
Nein — nein — nein! Sein Stolz ilt jeine Kunſt — er darf nicht — er kann nicht. feine Gefinnung verleug- nen — und er ift nun mal feinfühliger als die andern Menfchen — und darum auch beifer — ja!
Wenn er nur feine Kleinen Dichtungen unterbrächte! Wohin damit?
Er denkt an den Redakteur, der ihn gewiſſermaßen entdedt hat. Wenn der fich ihm dann auch jpäter ver- ichloffen — Entwürdigendes hat doch in feiner Ab- lehnung nicht gelegen.
Und auf dem Wege dahin kommen ihm die Ge- danken: müſſen denn die „Bureauinjafjen” gefinnungs- Ioje Sklaven jein? Iſt denn die Redaktion ein Bagno? Wenn er ſelbſt auch als Theaterfritifer damals in dem einen Fall jchlimme Erfahrungen gemacht Hat — —
Er weiß ja eigentlich gar nicht, wie e3 in einer Redaktion hergeht. Berjuchen kann man's doch. Es
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war nicht recht von ihm, daß er ſich damals, als er gefragt wurde, ob er nicht Redakteur werden wollte, ſo ſchroff dagegen auflehnte.
Bei dem Glück, das ihm bisher die Zeitungen zu— gelächelt haben, will er doch jetzt eine Frage thun.
Er ſteht im Vorzimmer der Redaktion und läßt ſich dem Chef-Redakteur melden. Gleich wird er em— pfangen. Er findet heute nichts Bureaukratiſches in dem Geſicht. Und nach den einleitenden Begrüßungen fragt er mit Stocken, ob nicht an dem Blatte eine Stelle für ihn frei wäre.
„Ja, Herr Burkardt, ein Hilfsredakteur für den lokalen Teil wird bei uns gebraucht, aber ich glaube, der Poſten iſt nichts für Ihren Unabhängigkeitsſinn. Sie würden da ſich doch in den Dienſt des Annoncenteils begeben müſſen, und es iſt dafür viel diplomatische Nach— giebigfeit erforderlich" —
„Dann um feinen Breis!” — Die Scham jteigt in ihm auf.
„aber in abjehbarer Zeit werden wir einen dritten politijchen Redakteur brauchen. Wenn Sie —“
„Herr Doktor — Ihre Politik iſt konſervativ— reaftionär, und ich bin Republifaner vom Scheitel bis zur Sohle!”
Seine Stimme Elingt rauh und troßig.
Der Doktor fieht ihn an: der forjchende Ernit wandelt fich bald in Mitleid. Die blafjen abgemagerten Büge feines jungen Gegenübers geben ihm wohl An- laß dazu.
„Kann ich Ihnen vielleicht perſönlich“ — fragt er leife.
Hans unterbricht ihn jäh, indem er die Manu- jfripte hervorreißt. „Wollen Sie die Güte haben, das zu prüfen?” Und dann empfiehlt er fich jchnell.
Sein Stolz lebt noch. Er mill fein Mitleid — das peinigt ihn — das erniedrigt ihn. Er hätte nicht fragen follen!
Seine Nerven zuden. In der Erregung merkt er
= SB:
faum noch etwas von feinem Hunger. In fliegender Haft legt er den Weg nach Haufe zurüd.
Un feinem Selbjtgefühl haben fich jeine Ideen auf- gerichtet. Neues Leben durchwogt und durchbrauft feine Empfindungswelt. Hoch und frei erhebt jeine Kunft dag Haupt. — —
* * *
Nach tiefem, bleiſchwerem Schlaf wacht er am nächiten Morgen auf. Trotz der langen Ruhe ift er wie zerichlagen an allen Gliedern. Aber er rafft fich empor und nimmt fich zufammen.
Hunger! Unfinn! Wochenlang Tann der Menjch die Nahrung entbehren! Wenn er nur Wafler zu trinken hat! Tanner hat vierzig Tage lang gefaltet! Nur Willenskraft! Nur Mut und Stärke! Sein Drama muß fertig werden!
Ein paar Iyriihe Stimmungsbilder leuchten in- zwijchen in feiner Seele auf. Er bringt fie zu Papier. Auf den eriten Wurf ift es herrlich gelungen. Hei! Was fchert den Dichter die Leibliche Not! Er verlacht fie! Er ift nicht wie die andern! Ein Übermenfch ift er! Die Dual ift feine Nahrung — aus dem Schmerz jaugt er feine Kraft!
Als aber die Schatten der Dämmerung berein- brechen, umjchleicht ihn das Grauen. Und dann legt es fich ihm aufs Herz, jo jchwer und mwürgend, daß ihm der Atem vergeht. Und in feinem Leib brennt e8 wie Höllenfeuer.
Und durch jein Hirn wirbelt es von Bormwürfen und Rechtfertigungen — was er hätte thun jollen — und was er doch nicht Hätte thun ‚dürfen — nein und ja — und ja und nein —
Und dann zieht es ihn empor. Hinaus — Arbeit ſuchen — die erite bejte ehrliche Arbeit, daß er wieder einmal ejjen fann. Sich ſatt eſſen — ſatt jein — ohne Hunger jein — —
Und da klopft e8 an die Thür, und der Geldbrief-
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träger tritt ein und bringt ihm zwanzig Mark. Sein Gönner Hat von jeinen Manuſtripten eine Skizze an- genommen und ihm gleich das Geld gefchidt.
Sein Glück! Hurra! Sein Glüd! Daß er nicht an jein Glück gedacht und geglaubt hat!
Und dann lähmt ihn eine Betäubung — und er ftarrt auf das Metall, wie e8 im Zampenlicht ihm ent- gegenblinft: das roh-gleißende Gold, das brutal-gleich- giltige Silber! Wie er e8 verachtet!
Unwürdig die Sorgen, die man mit diejem er- bärmlichen Geld aus ber Welt fchaffen kann. Unmwürdig und lächerlich!
Er kommt fi) dem Menjchengetriebe, das ihn um- giebt, als er fich auf den Weg nach Berlin gemacht hat, jo überlegen vor wie nie.
In der eriten größeren Wirtſchaft thut er fich gütlich an Speiſe und Trantf.
Er Hat zu ſchnell gegefjen und das Bier zu raſch hinuntergefchüttet. Es fteht ihm bis obenhin. Aber er iſt Iuftig geworden. Unbändig luſtig. Er muß inmer lachen und mit der Fauft auf den Tiſch Schlagen. Sich mit Grillen und Sorgen quälen — Unfinn! Blödfinn jondergleichen! Noch dazu, wenn man jo iſt, wie er! Wenn man fo viel Glück Hat, und wenn man jo- viel in fich trägt!
Und es jteigert fich fein Durft nach ansgelaffenfter Lebensfreude. Wein trinfen — Set! Er iſt mehr ala die andern — warum fol er fchlechter leben als fie! Das erbärmliche Geld! Luftig fein — geniefen — morgen iſt das Glüf auch noch) da — was liegt an den jämmerlichen Kröten! — — —
* * *
Spät in der Nacht taumelt er nach Hauſe. Hundeelend iſt ihm am andern Morgen. Sein ge— ſchwächter Körper kann ſolche Extravaganzen nicht ver⸗ tragen. Er bleibt faſt den ganzen Tag im — Neuland, herausgeg. v. C. Flaiſchlen
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Tiefer drücdt er fich in die Kiffen, wenn dire Reue auf ihn einftürmt.
Nur ein paar Pfennige hat er mit nach Haufe ge- bracht. Und in vier Tagen iſt der Erfte. Da muß Die Miete bezahlt werden — —
Nicht daran denken!
Um folgenden Tag verichieft er die Gedichte, Die er zulett gemacht hat, an die Zeitung, welche ihm da— für geeignet erjcheint. Und für das Geld, das ihm übrig bleibt, kauft er fiy Brot und Schnaps.
Er jchlägt fich vor den Kopf und ing Geficht, wenn die Reue ihn wieder paden mill. Über jo etwas follte er Doch erhaben fein!
Frei! Frei iſt er! Er Hat fich nicht unterworfen! Und er unterwirft fich nicht! Und fein Drama ift in ein paar Tagen fertig! Und dann! — —
Mit aller Kraft kämpft er gegen die körperliche Schwäche an, die ihn bejchleicht, gegen die Fieberjchauer, die ihn ducchichütteln. Er muß ja ftarf fein. Wenn er jeine Freiheit verliert, wenn er gegen feinen Stolz ſich verfündigt, kann er ja nichts fchaffen!
Und er fühlt feine Flugkraft wachen. Immer höher vermögen feine Gedanken aufzufteigen. Ihn ſchwindelt dann oft vor fich felbft. So, daß Ohnmacht jeine Sinne Hinunterzieht in dämmernde Tiefen — —
Wenn jein großes Werk fertig ijt, dann iſt er er- löft von dem Elend der Alltäglichkeit! Das muß, mie die Menjchen jo jagen, fein Glück machen! Hinter diejem Bollbringen jteht für ihn, von feinem Zweifel umhüllt, der leuchtende Erfolg, der auf feinem Lebensweg feine Schatten mehr duldet —
Und er arbeitet — und jeine Arbeit trägt ihn weiter — — —
* * *
Sein Kopf glüht, während ſeine Hand erſtarrt. In zuckenden Wellen flutet das Blut durch ſeine Adern.
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Bor feinen Augen tanzt alles. Seine Wimpern beben, feine Lider zittern.
Aber immer wieder reißen ihn feine Gedanken aus ſich ſelbſt Heraus —
Drt und Stunde vergißt er — — — — — —
* * *
Und jest umſchlingt ihn zum Erſticken ein ſchwerer, langer Schlaf — — —
* *
Würgende Angſt und brennender Schmerz ſcheuchen ihn aus der Ruhe auf —
Und wieder ſinkt er zurück in Lähmung und Starr- heit — — und wieder weckt ihn die Angft —
Das Kiffen ijt ein Berg, der ihn erdrüden will — — er jpringt auf und jchlüpft, zitternd von Froſt, in feine Kleider.
Sit es Morgen-, it es Abenddämmerung? Er weiß nicht3 von der Welt. Er will auch nichts von ihr mwijjen. Wenn fie jo dem Mannesſtolz lohnt — — Heraus aus der Welt — fort — fort — ind ewige Nichts — —
* * *
Ein Nebel umbrodelt all fein Fühlen und Denken — bald jengend Heiß wie Wafjerdampf, bald eifig mie Winterhauch. Und im fchnellen Wechjel dann heiß, dann kalt.
Und wieder die Angft — er muß fterben und ver- derben — Hungers fterben — elendiglich umkommen wie ein Hund — —
Leben! Leben! Seine Sehnfucht will nur dag Eine — nur leben — —
Kein! Leben allein ift nichts! Frei fein und groß fein! Das ift eg! Und mer das nicht fann — beſſer ihm, wenn er ftirbt! —
Nur erit ein Stüd Brot — nur noch einmal einen
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Biffen, noch einmal etwas zu kauen haben — dann mag fommen was will — — * *
*
Arbeit ſuchen! Irgend was! — —
Dienen!
Dienen — und ich kann doch nicht dienen — „Ich dien’* — Prinz von Wales — meinetwegen — dien’ du! — Falſtaff — der hat nie gehungert — Kapaun — — Dorchen Lakenreißer —
Schwer fällt ſein fiebernder Kopf auf ſeinen Arm.
* * *
So liegt er eine ganze Weile. Dann fliegt er empor — und taumelt wieder auf jeinen Stuhl.
So kraftlos verderben!
Sein Geift lehnt fich dagegen auf. Und vor fein zudendes Auge ftrömt jet ein unabjehbares Heer zu- ſammen — eine unendliche Schar von Elenden und Hungernden — und fie heben die ausgedörrten Arme — und ihre hohlen Augen glühen auf ihn — und die blafjen Lippen thun fich auf — und fie rufen ihm zu: „Sei unfer Führer! Warum ung — uns allen diefe Not! Führ' ung zum Kampf gegen die Satten! Führ' uns zum Gieg!”
In jeinen Ohren brauſt das heifere Stimmengemirr — der Schlachtruf der Verzmweifelung — feine Seele bäumt fich empor — feine Hände krampfen fich zu- jammen — und er ftürzt aus der Thür — —
In der Küche ift es hell. Sein Fuß ftodt. Dort figt feine Wirtin am Tiſch, die roten, fetten Arme auf- geitreift — fie ſchmatzt und ftochert fich die Zähne — und vor ihr fteht Brot und Butter und Fleiſch —
Fleiſch!
Er ſtürmt hinein und greift nach dem Fleiſch — und da ſie ihn aufſchreiend zurückſtößt, ſpringt er ihr zähne— knirſchend an die Kehle und würgt ſie und würgt ſie —
Und da fühlt er auf ſeinem Schädel ein paar
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mwuchtig-dumpfe Schläge und er taumelt zurüd — und e3 begräbt ihn die Nacht — — — — — — — —
Hans Burkardt iſt ein intereſſanter Fall. Ein ge— bildeter, junger Mann verhungert — das iſt immerhin eine Seltenheit. Aber noch feſſelnder als die ſoziale Seite iſt die pathologiſche: Typhus und Gehirnerſchütterung zugleich — das iſt den Ärzten noch nicht vorgekommen.
Und der zmwiefachen Bedeutung dieſes Falles ift es zu danken, daß der Kranke in der Privatklinif des Ge- heimrats Aufnahme gefunden hat. Der alte Herr bringt dem Unglücklichen bejondere Teilnahme entgegen.
Nach mochenlangem Todeskampf dämmert allmählich die Beſinnung in ihm auf. Er ſieht, wo er ſich befindet. Und nach und nach erzählt ihm die Erinnerung, was ihn hierher gebracht hat. Nur das Letzte, was unmittelbar voraufgegangen, das iſt für ihn ein dunkler Fleck.
Dieſer dunkle Fleck quält ihn. Der junge Aſſiſtenz- arzt trägt fein Bedenken, ihn aufzuklären. Und jo erhellt ſich denn fein Gedächtnis.
Seht weiß er alles, was gefchehen iſt.
Zum Tier, zur Beitie hatte ihn der Hunger gemacht. Eine wehrlofe Frau überfallen — gewürgt — ja gemordet, wenn der Mann nicht darüber zugelommen märe.
„Wie geht es der Frau?“
„Sie hat an Nervenzufällen gelitten. Jetzt jol es aber beijer mit ihr fein.“
Der Gedanke an die Frau läßt ihn nicht los.
Zangjam jchreitet jeine eigene Beſſerung fort.
„Mein junger Freund,” jagt eines Tages der Ge— heimrat zu ihm, „ich hab’ heute mit meinem Bruder über ihre Zukunft gejprochen. Der iſt vortragender Rat im Minifterium des Innern und hat mit den Preß- angelegenheiten zu thun. Er mill Sie als Redakteur an einem Regierungsorgan unterbringen.“
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Ein Gurgeln brodelt auf aus Hans Burkhardts matter Bruſt. Und dann ſagt er heiſer: „Sie ſind — ſehr freundlich, Herr Geheimrat“ —
„Laſſen Sie's nur gut ſein! Was ich für Sie thun kann, thu' ich mit beſonderer Freude.“ —
Als er einigermaßen wieder hergeſtellt iſt, führt ihn ſein erſter Gang zu ſeiner früheren Wirtin.
Er findet die Frau ſehr verändert und iſt erſchreckt darüber. Sie iſt blaß geworden, ihr Haar iſt an den Schläfen ergraut, ihre Bewegungen haben etwas lang- fames, und müde Klingt ihre Sprache.
„zZ war ja nich fcheen von Ihnen, Herr Burchard, — aber Sie haben ja voch nilcht vorjefonnt. Wat der Menjch in ’t Fieber dhut, davor is er nich verant- wortlich. Wie jeht 't Sie denn nu wieder?“
„Sch bin wieder jo ziemlich wohl. Aber jagen Sie mal, beſte Frau Hinge, wie ift e3 denn mit Ihnen?“
„Ra — jut ja nich — aber ’t jeht doch! Ick hab’ doch 'n düchtigen Knacks abjekriegt. Ick konnt ja ſonſt 'n Puff verdragen — aber det war doch 'n bisken zu knuffig, det is mir doch helliſch in de Knochen jefahren.“
„Können Sie denn Ihre Arbeit wieder thun?“
„Arbeeten kann ick ja wieder — aber 't iS ja man halber Kram. Wenn id mir 'n bisfen anftrenge, denn woll’n die Glieder nich mehr. Dann frieg’ ick wieder det Zittern in de Hände un Fieße.“ |
Er faßt die beiden Hände der rau, bittet fie, fie möchte ihm doch verzeihen, was er ihr angethan, und fihert ihr eine Unterftügung zu, die er ihr regelmäßig allmonatlich ſchicken werde.
Sie fieht ihn ruhig an. Und er erzählt ihr, daß er eine gute, fichere Stelle in Ausſicht habe.
Ya ja — er muß die Stelle nehmen! Und am jelben Tage noch macht er dem Bruder des Geheim- rats jeinen Beſuch. Eine kurze, ziemlich fürmliche Unter- redung — und er ijt Redakteur an einer neugegründeten
— ——
Korreſpondenz, die vor allem das monarchiſche Bewußt— ſein in der Volksſeele kräftigen ſoll.
Er, der Republikaner.
Vielleicht würde er einen anderen Poſten finden, der nicht ſo viel Lüge von ihm verlangte! Wenn er ſich an ſeinen alten Gönner, den Chef-Redakteur, wendete —! —
Damals Hatte er eine Stelle für ihn gehabt — zwei jogar — aber die eine hatte er jeinem Unabhängig- feitögefühl nicht zumuten wollen und gegen die andere hatte er fich jelbit aufgelehnt — in feinem republifanifchen Stolz; — — und jeßt follte er vor ihm —
Nein, nein! Die Scham würde ihn eritiden!
Schließlich — na ja! — Eins ift jo ſchlimm mie’ andere — abjolute Freiheit giebt es nicht — er war überjpannt, daß er danach verlangte — eine Berrüct- heit, diefeg Übermenjchentum — er ift nicht beffer ala die andern — und wenn man jchon Bugeftändnifje machen muß, two ijt die Grenze?
Bliartig durchzudt es ihn — Hat das nicht damals der roſig Vergnügte ala Lebensanſchauung be- fannt? Und er jelbit hat ihn darauf als Lumpen hingeftellt!
Und jetzt!
Aber da er ich gegen feine Zukunft empört, richtet fich feine Vergangenheit gegen ihn auf wie ein Gefpenft.
Du kannſt ja der Züge jederzeit durch einen Finger- drud ein Ende machen! ruft fein altes erwachendes Un- geitüm ihm zu.
Und dann quillt aus dem Innerſten feiner Seele die Sehnjucht nach feiner Kunft — — fein Drama —
Und dann Hungern müffen — und dann — —
Doch die Kugel bleibt ihm ja für alle Fälle. Wenn er nur für die Frau nicht zu jorgen hätte —! —
Er arbeitet als Redakteur an der Korrejpondenz. Ein ftiller Mann iſt er geworden. Viel älter als feine Jahre. Buverläffig thut er jeinen Dienft. Seine Vorgeſetzten fördern ihn. Nach ein paar Jahren ift er der wohlbeſtallte an Lohn und Titeln reiche Leiter der Korreipondenz.
Die leitenden Gedanken Holt er ſich aus dem Mi- nilteriun: de3 Innern.
Was in jeinem Innern vorgeht, weiß fein Menjch. Er Hat Furcht vor feiner Sehnfucht und ift vor ihr auf der Hut, fo viel er vermag. Seine Sehnjucht ift feine Kunft — und feine Kunſt ift fein Stolz, feine Freiheit — — und was ilt aus ihm geworden!
Nicht daran denken! Nicht daran denken!
Jetzt ift e8 zu jpät! Eine Umkehr ift nicht mehr möglich! Wie früher kann es doch nicht mehr werden!
Wer einmal lügt — —
Uber die Kugel bleibt ihm ja noch! Und die Selbit- zeritörung kann zur Pflicht werden, vor der alle andern zu jchweigen haben.
In diefem Gedanken findet er fich ab mit dem Leben.
Doch wenn ihm etwas ans Herz greift, wenn Flammen in jeinem Geijte aufleuchten, wenn ein Braufen durch feine Seele geht, dann wird jeine Sehnfucht in ihm mächtig. Seine Empfindung will ihn heben und forttragen — und er muß fie niederwürgen. Sein innerjtes heiliges Leben muß er zertreten, daß er vor Dual fich mwindet.
Denn feine Kunſt ift fein Gewiſſen —
Er kann und darf nicht mehr dichten — — —
—
Iranz Evers
| Der lange Klas
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Der lange Rlas
Er war ſehr fromm, der lange Klas.
Jeden Sonntag ging er eine Stunde weit ins Land hinein, zur Kirche nach Gleſchendorf.
Dort war die nächſte Pfarre, und der Paſtor dort hatte einen ſo herzlich offenen Ton in ſeiner Predigt, der alle Menſchen gefangen nahm.
Wenn er ſo auf der Kanzel ſtand und in einfacher, warmer Sprache den Andächtigen irgend einen paſſenden Bibeltext erläuterte, dann leuchteten ſeine Augen voller Freude und Überfülle des Herzens, dann grade war er ganz Menſch. Nichts geiftlich Eiferndes hatte er an fi; er fchaute den Menjchen in die Seele und half ihnen, wo er fonnte und wo fie feiner bedurften. Er war der Freund der ganzen Gemeinde. Selbit die harten Herzen der Fiſcher vom Strande fchlugen wärmer, wenn fie feine Nähe fühlten.
Der lange Klas hing jehr an ihm; denn der Baftor war es, der ihn einmal hatte weinen jehen.
Das war vor zehn Jahren gemweien, kurz nach jeiner Konfirmation.
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Die beiden waren ganz allein damals.
Klas Hatte den Pfarrer aufgefucht und nur ein paar Worte vor fich Hingejtammelt und dann ftill in ſich Hineingejchluchzt.
Das war nur ein einziges Mal geweſen, denn der lange Klas meinte ſonſt nie.
Jener aber Hatte ihn verjtanden; er hatte ihm Die milden Hände auf das jtruppige Haar gelegt und ihn ftille gemacht. Und der lange Klas war jehr ruhig ge- worden jeitdem, viel ruhiger als vorher.
Seit zehn Jahren ging er nun jeden Sonntag von jeinem Filcherdorfe am Strande hinauf zur Kirche nach Gleſchendorf. Er jchlenderte dann gewöhnlich einjam jeinen Weg entlang, denn er mied die Genofjen und war gern allein mit ſich und der Welt.
Dann freute er fich ftill im Innern an der Natur um ihn herum, an der frijchen Hofftenlandfchaft, der er jelbft entiprofjen war, und Die tiefe, jonnige Augen hatte gleich ihm. Er Hatte ihren marfigen, fejten Charakter, der eine männliche Sehnjucht in fich barg, eine Sehn- jucht, die man nicht ausfprechen kann, Die nur im letzten Herzensgrunde gefühlt wird. Und der lange Klas fühlte fie dort innen.
Ein blauer Sommer leuchtete über die Welt, und die Vögel zwitjcherten in Feldern und Büfchen, ald ob fie nicht mwüßten, wohin mit ihren jubelnden Liedern. Schlehen und Weißdorn blühten am Wege, und Die goldene Sonne warf durch die hohen Hajelbüjche helle Lichter, Die in dem Schatten des jandigen, mit Lehm unter- mijchten Weges mwiderleuchteten. Zwei muntere Libellen ſurrten umher, und ein bunter Falter feste fich dicht vor den Füßen des langen Klas auf eine halbwelke Kornblume, die wohl irgend jemand bier verloren haben mußte.
E3 war Sonntag heute, und Klas ging wie immer feinen Kirchgang, allein und feitlich geftimmt.
Aus der Ferne läuteten die Glocken, ruhig und groß, als ob jie von Heiligen Dingen jprächen.
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Klas hörte fie; aber fie langen ihm heute anders, als je zuvor. So feierlich Hatte er fie noch nie gehört; er glaubte e3 wenigſtens nicht. Es lag darin ein Ton wie aus einer alten Erinnerung herübergeleitet, ein Zon, der in einem ganz ftillen Herzenswinkel einge- ichlummert fein mußte und. nun wieder langjam zu jchwingen begann.
Er war fich nicht far darüber; aber es packte ihn heute alles jo jeltjam tief, als ob er vor einer lang erjehnten Erfüllung ftände und nun fchon Die Freude voraus empfand.
Selbft die Sonne und die warme Luft erjchienen ihm heute gütiger, liebevoller. Warum, wußte er nicht; er fühlte es nur.
Er jchlenderte weiter, wie in einem jtolzen Traum.
Erſt al3 er an der Kirche angelangt war, wachte er aus feinem Sinnen auf und trat ein.
Dann jchwiegen die Öloden. —
Drinnen jaßen die Kirchgänger andachtbereit auf den morfchen, eichenen Bänfen. Die Kirche war ziem- lich gefüllt heute.
Klas nahm links neben der einen großen Holzjäule jeinen gewohnten Platz ein. Er ſenkte den Kopf und iprach kurz fein Gebet.
Dann fam der Pfarrer.
Mit leicht geneigten Haupte jchritt er im jchwarzen Talare einher, in der Hand die Bibel. Seine Augen lfeuchteten in tiefem Glanze. Bor dem Altare blieb er jtehen, richtete die üblichen Begrüßungsworte an Die Gemeinde und trat dann in die Safriftei.
Und die Orgel begann zu jpielen.
E3 war ein alter Kirchenchoral, eine jchlichte, ver- trauensſtarke Weije.
Der Gejang der Gemeinde begleitete die Melodie bald laut, bald leije und zaghaft. Die Stimmen Hangen ungejchult und hart, manchmal häßlich; aber fie waren voll von feiter Zuverficht.
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Links vom Altare, in den Sibreihen, die der Safri- ftei gegenüber lagen, jaß ein älterer Herr mit langem grauen Bart und jchlichtem Haar. Sein Geficht Hatte einen vornehmen, ariftofratifchen Ausdrud. Er mar offenbar ein Fremder, der dieje Gegend zum erjtenmale befuchte und der fich heute den Gottesdienit anhören wollte oder auch des Abendmahls wegen gekommen war. Denn der Leib des Gekreuzigten follte heute gegeben werden und fein Blut jollte die Herzen der Gläubigen und NReuemütigen reinigen.
Andächtig laufchte der alte Herr auf das Gebraufe der Drgel wie einer, deſſen innerfter Seelengrund durch ſchwere, männliche Lebenserfahrungen ernit und befonnen geſtimmt war. Aber auch in diefem Lauſchen lag etwas Fremdartiges.
Noch mehr mußte die von einer Frauengeitalt gelten, die neben ihm faß, mit jchwermütigen und doch jo bemußten, großen blauen Augen. hr Haupt im Schmude der tiefblonden Haarpracht hatte etwas Fönig- liches. Die feine Biegung des Haljes zeigte eine edle, junonijche Linie. Die Gefichtszüge waren anmutig und
edel und wieſen eine große Ahnlichkeit auf mit denen
de3 alten Herrn. Die großen Augen jannen in Die ferne, als ob fie ein meite® Land beherrichten; fie waren ftolz wie die Augen einer Königin.
Und Klas jah hinüber.
Mit offenem Munde ſaß er da und ftarrte auf Die lieblicherhabene Frauengeftalt, al® ob er fie mit den Bliden einfaugen könnte.
Dder betete er an?...
Alles an ihm mar gejpannt. Sein hartes, ge- bräuntes Filchergeficht jah mie verfteint aus. Nur ab und zu blikte ein Sonnenlicht darüber; und dann wur— den die Züge etwas lebendiger. Seine Lider mit den langen Wimpern waren meit aufgeriffen, und die großen, mächtigen Augen fchimmerten feucht, wie unter dem Bann einer in? Unermeßliche gefteigerten Sehnjucht, Die am Biele zujammenzubrechen droht.
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Seit zehn Jahren Hatte fich ihm das lebendige Bild diefer Sehnſucht eingeprägt, unauzlöfchlich eingeprägt.
Damals, als er die drei Menjchen, das Elternpaar und jeine liebliche Tochter, hinüberruderte an den Tim- mendorfer Strand, damals Hatte die Nähe jenes Mäd- chend zum erjtenmale fein junges Blut wild werben lafjen, daß es jchäumte wie gährender Wein.
Das war nur ganz kurze Zeit gemwejen; die Fahrt dauerte faum eine halbe Stunde, dann ſah er jie nicht wieder.
Uber fein ganzes Weſen Hatte fich jeitdem an das ihm jo Heilige Bild jener Mädchenerjcheinung angeflam- mert und ihn mit diejer tiefen Sehnjucht erfüllt.
Nun tauchte das wieder vor ihm auf, wie aus einem langen, langen Traum, aber jchöner, bewußter und königlicher.
Ihm mar es, ald ob er plöglich unter Hunderten ein Erwählter jei, und al® ob er doch nicht jein Letztes finden fünnte, die tiefe Befriedigung des Herzens, Die für ihn ewige, innere Ruhe bedeuten würde.
So ſaß er da, wie aus Stein gehauen, und hatte feinen Sinn mehr für dag, was um ihn her vorging; und feine Seele war nicht bei ihm.
Draußen glänzte der Tag, und die warme Luft quoll durch das eine rechte Kirchenfeniter, das offen ftand.
Auf der linten Seite aber ſtieß ein farbenprächtiger Schmetterling fort und fort gegen die Scheiben, als ob er die Freiheit ſuche. Er Hatte fich in der Kirche ver- irrt, und die hellen Sonnenftrahlen jchimmerten ihm nedijch über die bunten Flügel.
Tiefgoldene Lichter lagen auf den bräunlichen Sand- jteinfließen und Hufchten über den Boden Hin bis hinauf zu den morjchen, wurmiftichigen Eichenbänten. Auf manches Geficht legten fie ihren Glanz; und die hohen mweißgetünchten, faſt fchmudlofen Wände der Kirche leuchteten wie friſchgeſtrichen.
Der Choral war längjt verklungen.
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Der Paftor hatte von der Kanzel gejprochen, innig und warm, wie an einem Feittage.. Nun war feine Nede zu Ende.
Durch die hohe Gotteshalle ging eine heilige Stille, eine Ruhe, wie fie nur die Andacht kennt; und Die Herzen fchlugen in ſeliger Zuverficht.
Jetzt kam das Abendmahl.
Orgelſpiel und vorbereitende Worte des Pfarrers löſten einander ab. Dann ſtille Beichte und andächtiges Beten der Gnadebereiten, während die Orgel ſchwieg.
Der lange Klas ſaß da, als ob er nicht zu den anderen gehöre; er hielt den Kopf geſenkt, und der bunte Sommervogel flatterte leicht über ſeine blonden Haare hin.
Wieder begann die Orgel zu ſpielen, und die Ge— meinde erhob ſich von den Plätzen.
Klas fuhr zuſammen. Er wurde mitgeriſſen von der Seelenmacht der Frommen, die nach dem Mahle des Herrn verlangten.
Er ſtand auf wie die anderen, die vor ihm in langer Reihe dem Altare ſich näherten. Aber er folgte nur mechaniſch; ſeine langen, ſtämmigen Beine bewegten ſich nacheinander, als ob ſie erſt mit großer Mühe auf— gehoben würden.
Wie im Traume ging er zum Altar, unvorbereitet, ganz verjunfen in das Bild feiner Sehnfucht. Denn die Beichte war längjt vorüber, und er Hatte nicht ein- mal das Wort der Vergebung aus dem Munde des Priejterd vernommen wie die anderen: dag Wort der Sündenvergebung.
Sein Blick brannte in Andacht hinüber nach der Frauengeſtalt. Er mußte an die Madonna über der Kirchenthür denken, auf dem alten, grellgemalten Bilde. Er jah fie als Madonna mit hellen Augen, ohne Thränen und ohne Schwerter im Herzen, er fah fie ala menjchen- heilige, gloriengejchmüdte Königin.
Und jo hatte er immer das Bild feiner Sehnfucht geſehen.
— 8.2
Das Kleine, unfchöne Heilandsebild am Kruzifixe auf dem Altare, das wohl ein gütiger Gönner der Kirche geſchenkt Haben mochte, jah er nicht. Er ſah nicht die verrenften Knochen des Gefreuzigten und nicht den un- endlich milden Heilandsblid und nicht den fchmerzlichen, vergebenden Seelenzug in feinem Gefichte.
Seine Sinne begannen zu ſchwanken. Es flimmerte ihm vor den Augen; aber er wurde von den anderen, die hinter ihm ftanden, fortgejchoben.
Erit ala ihm der Priefter den Kelch bot, machte er auf aus feiner Verwirrung, aus feiner Verjunfenheit.
Daß er die Hoftie genommen Hatte, bfeich und aichfahl im Gefichte, wußte er gar nicht.
Die anderen fahen ihn an.
Aber er jah nur den Priejter vor ſich und den Kelch mit dem Blute Ehrifti.
Und da fuhr es ihm blitzſchnell durch die Seele, und er fühlte, daß er feine Sünden nicht bereut hatte, und daß er unmürdig jet.
Er zögerte leid...
Der Priefter jah ihn an.
Klas jchlug die Augen nieder... und mit durjtigen Lippen fog er vom Kelche der Vergebung. Er jchlürfte ben heiligen Wein und mit ihm die Erinnerung an den Tag feiner Konfirmation und an die einjame Stunde, two er mit dem Pfarrer drüben allein war in der Kleinen Gartenhütte, ganz allein.
Ka, damals hatte er gemeint, gemeint im heißen Drange feiner Sehnjucht, die ihre erſte Männlichkeit ge- fühlt hatte.
Warum durfte ihm da3 Tiebliche Mädchenbild nicht erhalten bleiben, da3 damals dem heißen Traume jeiner Augendlichfeit eine Königin gervejen war. Warum mußte die ihm genommen werden, daß er fich im erſten ftür- mijchen Andrang feines ermachenden Leibe an jener anderen verging.
Eine brennende Schuld padte ihn dann.
— 0
Und fein Herz konnte fie nicht ertragen; daß er zum Pfarrer laufen mußte. Denn damals Hatte er gefündigt.
Das war nun zehn Jahre ber.
Und jeitdem war jein Leben eine einzige, reine Sehnfucht gemejen, die alle Liebe und Zärtlichkeit zurüd- ftieß und nach einer fernen Sonne jchaute, ftarf und unantajtbar in ihrer Zuverficht.
Und dann mußte er plößlih, daß er ja ohne Sünde jei.
Das war all das Fühlen und Denken eines Augen- blicks, aber genug, um ihn länger von dem Kelche trinken zu lafjen, als es ſonſt üblich war, fodaß der Prieſter mit leifem Rud ihm endlich den Rand von den Lippen rip.
Ein Tropfen Wein wurde verjchüttet und fiel auf die alte purpurne Altardede; und dicht neben einer an- geblichenen, jchmußigen Stelle entjtand ein dunkel— roter Fled. |
Der ſah aus wie ein Blutfled.
Nur einige hatten es gejehen; die aber machten ftillfurchtfjame Mienen und fahen auf Klas, der langjam nach jeinem Plate wankte.
Sein langer Naden war gebeugt; feine Arme hingen matt herab; und jein ftruppiges Haar fiel ihm über die Scläfen und über die Stirn.
BZujammengejunfen jaß er dann da auf feiner Bant, frei von Sünde; denn dag war ja jchon zehn Jahre her.
Aber er war wie zufammengebrochen unter ber Laſt jeiner heißen, braufenden Sehnfucht. Mit geſchloſſenen Augen jah er das Bild, nach dem ihn fo bürftete.
Das mwährte Minuten lang...
Dann war die Orgel leiſe verffungen.
Der Pfarrer hatte jeinen Segen gejprochen; und die jündenreinen Beter verließen die Kirche und fchritten hinaus in den blühenden Sonntag.
Wie lange Klas noch gejejien, wußte niemand.
Man hatte ihn nicht mehr beachtet, denn man war
er ze
ja ähnliche Dinge von dem einfamen Träumer gemohnt- Sie liebten ihn, und deshalb ftörte feiner jeine Wege.
Die Sonne Stand im Zenith. Es war heiß draußen, und die Sommerfchrwüle lag ſchwer auf Weg und Feld.
Klas achtete nicht der Hitze; wie ein Nachtmandler ichritt er jeinen Weg, immer nur das eine Bild vor ih: die Königin feiner Sehnfucht.
Wohl nach dreiviertel Stunden jchon kam er in Hafffrug am Strande an.
Sn Schweiß gebadet trat er in ein Kleines Haus, da3 dritte gleich am Eingang des Filcherdorfes, daß er mit feiner alten gelähmten Mutter bewohnte.
Drinnen ſah es jehr ärmlich aus. Nur der aller- nötigjte Zubehör fand fich in den beiden Stuben, einige Filcher- und Hausgeräte. Die übrigen drei Zimmer des fleinen Hauſes wurden von einer anderen Filcherfamilie bewohnt. Da war Lärm und Gefchrei den ganzen Tag; fünf frijche, kräftige Kinder balgten fich in der Sonne und hatten in einem fort Hunger. Darum fchrien fie.
Uber auch das Kindergejchrei hörte der lange Klas nicht.
Er ging in die Stube und feßte fich auf eine Holz- banf. Er ſagte nichts.
Die alte Frau mit den Falten im Geficht und den greifen Haaren jaß auf einem alten lederüberzogenen Lehnftuhle und träumte vor fich hin. Sie träumte von ihrem Sohne.
Sie lebte nur noch Halb auf der Erde; ihr Leib fah ganz jchemenhaft aus, als ob er fein Blut mehr hätte. Sie war halb eingejchlafen und merfte nicht, daß er geflommen war. *
Der lange Klas ſaß bis zum Abend auf ſeiner Holzbank.
Dann ſtand er auf und ging in die Nacht hinaus.
* * *
Neuland, herausgeg. v. C. Flaiſchlen 7
a OB: a
Behn Tage waren vergangen.
Die Vormittagsjonne ftand am Himmel, und das Meer glühte voll und glänzend wie ein bläulich tiefer Smaragd.
Um meißen leuchtenden Strande jaß der lange Klas und flidte Nebe, wie er das oft that.
Manchmal hielt er in der Arbeit inne und jah hinaus auf die blaue Dftjee, wie einer, der feine Sehn- jucht verloren hat und der all feinen heiligen Reichtum nun mit weißen Händen bewahren will.
Er fam fi) vor wie ein König.
Wenn er jo plößlich don jeinem Flickwerk aufichaute, fonnte man wohl erkennen, daß fein Geficht einen bleichen Anhauch befommen Hatte. Sonft war er derjelbe; nur die Augen waren noch tiefer und gutmütiger geworden.
Er jaß gern bier am Strande bei den Neben und itarrte finnend auf die Waſſer.
Er dachte dann an die Erlebniffe der lebten Tage, und war ftill und zufrieden. Er Hatte nur die Angit, daß er dies jtille Glück wieder verlieren könnte; Das fam oft tief aus jeinem Innern heraus, ganz plößlich, ohne daß er e8 erwartete. Bis er dann wieder an Die Gegenwart Dachte.
Und fo auch heute...
Gerade acht Tage war es her, dab er fie zum erftenmale wiedergeſehen hatte, die Stolze aus der Kirche in Gleſchendorf.
Er durfte fie damals hinausfahren auf die See. Der Graf Hatte ihn darum angegangen.
Daß der Graf ihr Vater jei, hatten ihm die Leute gleich gejagt, als die beiden nach Haffkrug an den Strand gezogen waren. Dort bewohnten fie nun Die Kleine Billa eines Freundes, um bier an der noch nicht fo ftarf bejuchten Küfte der Djtjee den Sommer ftill und ungeftört zuzubringen.
Denn fie waren beide feelenjtolze Naturen und liebten die Einſamkeit.
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Auch jagten die Leute, daß fie jehr reich wären und noch viele andere jchöne und geheimnisvolle Dinge. Das alles kümmerte aber den langen Klas nicht.
Er war ruhig und glüdlich, wenn er die Jungfrau jo Stolz unter den anderen einherfchreiten jah, und es war ihm, al3 ob fich alle vor ihr beugen müßten.
Sie war doch eine Königin.
Elfriede nannte man fie; das Hatte er gehört. Nun war ihm diefer Name der Anbegriff aller edlen und erhabenen Reinheit geworden, einer Reinheit, die niemals befledt werden konnte. Und er jelber fühlte fic) in ihrer Nähe viel reiner, ganz ohne Sünde.
Wenn er aber mit ihr und dem alten Grafen im ichmalen Segelboot über die glibernde See flog, dann ichlief all feine ſtillſte Sehnfucht ein, und er fühlte fich im Befite des jchönften und herrlichiten Schatzes. Das war bei feiner einfachen, religiöfen und tief in fich ge- fehrten Fifchernatur leicht zu erklären. Seine Frömmig- feit hatte ein lebendiges Bild gefunden, das Fleifch und Blut war, und er hatte e3 mit beiden Händen ergriffen. Darum war er au) am lebten Sonntage nicht in der Kirche gemejen.
Und jene beiden Menfchen Hatten den ftillen und offenen fchlichten Fiſcher mit den weiten Augen lieb- germonnen; fie betrachteten ihn mehr ala Lebensgenofjen, denn als gehorchenden Diener und waren jtet3 freund- fih und herzlich zu ihm.
Wenn er mit den breiten Händen das Segelmerf des Bootes lenkte oder auch manchmal mit Träftigem Ruderichlag die Riemen einſetzte, daß die Wellen fich bogen, dann fühlten fie fich jo ficher in feiner Obhut.
Einmal, da war Elfriede allein mit ihm gefegelt. Das war nun drei Tage her. Damals hatte fie ihn abends darum gebeten, weil die Sonne den ganzen Himmel mit Burpur überjchüttete. „Das muß jchön fein“, meinte fie.
Und dann waren jie in Die Abendglut hinaus— gefahren, weit hinaus auf die offene See.
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Feurige Flammengarben ftanden in der Luft und leuchteten weithin über da8 Land; und das Boot mit feinem weißen Segel und den beiden Menjchen war in ein braujendes Rot getaucht.
Sie hatte den Hut vom Kopfe genommen, daß der leichte Wind ihr durch das tiefblonde Haar ftrich und es facht kräuſelte. Ihr Kopf war wie von einem leuchtenden Glorienjchein. umgeben. hre Seele war offen, und fie jah aus wie die lächelnde Madonna auf dem Bilde in der Kirche von Glejchendorf.
Sie war doch eine Königin.
Klas ſchwieg und jchaute fie an. Er fühlte ihre Größe.
Das Abendrot wollte verlöfchen. In tiefer Glut anf der Sonnenball vom Himmel, und eg wurde dunfler.
E3 war ganz mwindjtill geworden.
Da kehrten fie um, und Klas mußte mit tüchtigen Nuderfchlägen einfegen, denn das Segel hing jchlaff am Maft.
Fern jah man den dunfelblauen Strich der Küfte, der immer größer und deutlicher wurde.
Sie waren auf dem Heimmege.
Der lange Klas ſchwieg und ruderte aus voller Kraft. Manchmal war es ihm, als ob ihm die Kehle zugejchnürt würde; aber das ging jchnell vorüber. Und dann war er wieder ruhig und zufrieden.
Nach einer halben Stunde ftieß dag Boot an den Strand. Elfriede ftieg aus und eilte fchnell davon.
Damals dankte fie ihm.
Das mar fein fchönfter Tag; und daran dachte der lange Klas jet und ſann hinaus auf? Meer. Das Ne lag unbemwegt auf feinem Knie. Ja, daß war jein ihönfter Tag geweſen ...
Nahe Stimmen fchlugen da an fein Ohr und er- mwecten ihn aus dem Träumen. Er fannte die Stimmen und ftand auf. |
Als er fich ummandte, ſah er den Grafen und jeine Tochter am Arm eines jungen flottausjehenden Mannes.
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Er ftuste. Dann nahm er fich zufammen und grüßte. Sein Gruß wurde herzlich erwidert, und Die Drei famen auf ihn zu.
Hart und jchmerzend fchlug fein Herz; aber er überwand eg. Für einen Augenblick jchloß er die Augen; dann war alles gut. Er Hatte jeine Königin verloren.
Seine Königin war ihm unantaftbar gemejen; die war ihm jo hoch und herrlich erjchienen in ihrer Reinheit, daß fich die Stirnen vor ihr Hätten beugen müſſen. Die konnte er nicht am Arm eines Geden fich vor- jtellen; er hatte alles Menjchliche von ihr abgeitreift.
Er zuckte leicht zufammen. Dann jchaute er auf.
„Ab, da find Sie ja. Meine Braut hat mir fchon tüchtig von Ahnen vorgejchwärmt. Bewundere rieſig ihre Segelfunft — meine Braut jagt da8 —. Treibe auch Segeljport; möchte mal jehen, wer's von uns beiden bejjer kann.“ Und dabei Elopfte das elegante Herrchen dem langen Klas recht günnerhaft auf die knochigen Schultern.
Der wollte auffahren; aber er ſah Elfriedes Augen und jchwieg; er meilterte fich mächtig.
Der Graf, welcher die Mißſtimmung herausfühlte, legte ihm, der mit düfteren Brauen dajtand, dann aus— einander, daß jeine Tochter und fein Schmwiegerjohn gern eine größere Segelfahrt machen möchten. Sie feien heute zu ihm gefommen, um den Tag bafür zu be- jtimmen, damit das Boot dann zur Verfügung jtehe. Sein Schwiegerjohn ſei erſt gejtern eingetroffen, müfje aber jchon morgen wieder abreifen, um dann erit nad) acht Tagen auf längere Zeit zurücdzufehren.
Die Frage, ob er noch heute jein Boot jegelfertig machen könne, verneinte Klas, da jein Genofje damit unterweg3 wäre und erſt gegen Abend wieder nad) Haufe gelangen würde. Sein Auge flammte auf.
„Ra, da müſſen wir eben warten. Aber wenn ich in acht Tagen wieder da bin, werde ich den ganzen Tag auf dem Wafjer liegen und mal ſehn, wer's befjer
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fann.” Mit diefen Worten drehte der Bräutigam feinen aufgewichſten Schnurrbart und Ipielte mit dem Pincenez.
Klas erwiderte nicht2.
Erſt als ihn Elfriede um eine Ausfahrt am nächſten Sonntag bat, die ſie mit ihm wieder allein machen wollte — „wie damals“ ſagte ſie —, da antwortete er erfreut, mit etwas zitternder Stimme, aber doch ſtill und ernſt.
Dann gingen die Drei.
Ihre Schritte Inirjchten im Dünenfande.
Und der lange Klas raffte jeine Nee zufammen und ſchwankte nach Haufe, ohne fich nach den anderen umzufehen.
Sein langer Naden war heute noch mehr gebeugt als font; jein Atem röchelte leis.
Er hatte jeine Königin verloren.
Stürmifch öffnete er die niedrige Stubenthür und warf fi auf die Holzbant. Dort war jein Lieb— lingsplatz.
Die alte Mutter, die über den gebrechlichen Tiſch gebeugt daſaß und ſich zum Mittag Schwarzbrot in den Kaffee brockte, ſah einmal auf. Aber ſie ließ ihn ge— währen, ohne ein Wort, und ſchlürfte von ihrem Kaffee. Denn fire kannte ihn ja.
Klas ſaß lange jo. Der Tag war heiß geweſen, und die Alte war endlich in ihrem ledernen Lehnſtuhl eingenidt. Der Nachmittag ging zu Ende.
E3 war ganz jtill im Zimmer. Nicht einmal das Tieftad einer Uhr war zu hören, und fein Holzwurm bohrte. Nur draußen Häffte ab und zu ein Hund, ganz weit in der Ferne.
Klas konnte heute nicht vor fich Hingrübeln. Er war wie zerjchlagen und wie ſtumpf geworden.
Dann fam ihm in der tiefen Stille plötzlich ein Entihluß: Er wollte fich jeine Königin retten.
Als die Schatten lang ind Zimmer fielen, ging er hinaus.
Draußen war Mondichein, und die Nacht war
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würzig und ſchwer von Blütenduft. Es war alles ruhig geworden; jelbjt der Hund bellte nicht mehr.
Feſt und ficher fchritt er durch den leuchtenden Ölanz; er mußte mit fich allein fein, ganz allein.
Als er wenige Minuten gegangen mar, Hörte er ‘eine näfelnde, von Wein fchwere Stimme fich droben an der Billa verabichieden. Er kannte dieſe Stimme.
Eine Hausthür fiel Hingend ins Schloß; dann war alles wieder ftill.
Ein jcharfer Schatten fam in der Dämmerung der Häuferreihe auf ihn zu. Die Geftalt konnte er nicht erkennen, aber er fühlte fie. Ihr Gang war furz ab- jegend, wie von fnabenhafter Eitelfeit bewegt.
Einen Augenblick zudte Klas zufammen.
Jetzt befand fich der Schatten im tiefen Dunfel - eine® hohen Hausgiebels.
Da zog der lange Klas jein Meſſer.
Die Klinge bligte leicht...
Doch er that es nicht.
Mit zufammengebifjenen Lippen ftand er an der Mauerede; fein Atem ging ſchwer, und die breiten Finger preßten fich feit um das offene Meier, dab fie mund wurden und daß er es warm und feucht an ihnen hin- unterrinnen fühlte. Das waren Blutstropfen.
Es kam ihn Schwer an, daß er zurüdhalten mußte; jein Herz ging heftig. Aber er war fich bewußt ge- worden; jein Entſchluß ftand feit.
Was follte ihm der Ged da; er wollte feine Königin wieder haben, feine reine Königin. Und wenn er dieſen tötete, dann mußte er fie für immer verlieren. Das mußte er. Und diefer Gedanke machte ihn feit: er war ein Mann geworden.
Der Andere war im Dunkel vorübergeitelzt.
Der lange Klas ging ftill nach Haufe. Seine Finger ichmerzten ihn heftig, aber er achtete nicht darauf. Er fühlte fich jo ſtark und ficher jeßt, und all das freſſende Weh mollte ihn verlafjen.
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Denn er hatte ja noch einen Sonntag; und der jollte ſein leßter Feiertag fein.
* * *
Der lange Klas Hatte die Tage in voller Arbeit zugebracht. Er ſah ruhiger aus; fein Entjchluß hatte ihn ſtark gemacht. Der war fo plöglich gefommen, ohne daß er es eigentlich erwartet hätte, wie eine Er- löfung aus einer tiefen Dumpfheit. Und jeine Sehn- jucht fing an, die niederdrücdende Schwere zu verlieren, jo daß er fich freier fühlte und raſtlos arbeitete.
Die Genofjen jchüttelten verwundert den Kopf über den regjamen Klas, den fie immer nur als halben Träumer kannten, der am liebften die Netze flickte und dabei jtundenlang auf das Meer hinausſtarrte.
Er jah ja wohl noch ernſter aus, als früher, nicht mehr jo ſchwärmeriſch, aber fie konnten jet wenigſtens mit ihm fprechen; er gab Antwort mit geraden großen Augen, die voll Bewußtſein leuchteten, und legte überall, wo fie e8 münfchten, tapfer Hand an. —
Der Samstag Abend war gekommen.
In brennender Glut leuchtete fein Gold über das jachtplätjchernde Meer, und die Luft war friedlich) und warm, wie voll von Verheißung.
Klas dachte an jenen heiligen Sonntag, ber in feiner Purpurpracht gerade fo leuchtete wie das Abendrot heute. Und morgen follte er einen neuen Sonntag haben; der jollte fein letzter Feiertag jein.
Eine leije Wehmut überjchlich ihn.
Doch das währte nur furze Zeit; dann machte er fi) an dem Segelboot zu jchaffen.
Es jollte zur Fahrt für morgen fauber und ſchmuck ausſehen; es jollte alles recht feierlich fein.
Bis jpät in die Nacht Hinein war er beichäftigt; denn morgen war ja Sonntag, und da wollte er den Bormittag zur Kirche gehen. Das mußte er unbedingt. Ein tiefer Drang nach dem alten Pfarrer hatte ihn gepadt.
Deshalb ſollte das Boot noch heute ganz fegel- fertig werden. Er jchöpfte das Waſſer heraus, knüpfte bie und da neue Taue an und legte zwei neue leichte Ruder hinein. Überall hatte er noch was auszubefjern.
Als er dann endlich mit allem zufrieden war, ging er nach Haufe.
E3 war jchon jpät geiworden.
Der Mond jtand Hell im Zimmer und Teuchtete über das Fenfterbrett gerade auf die Holzbanf, wo fein Lieblingsplatz war. Er ſetzte jich in den bleichen Glanz und ſchaute hinaus in die Nacht.
Die Mutter jchlief nebenan in dem ärmlichen Bett. Er hörte ihr leijes, müdes Schnarchen. Sonſt war alles ganz ftill.....
Einmal leuchteten jeine Augen auf.
Das war unheimlich; eine Welt von bohrender Leidenschaftlichkeit und mühlendem Haß lag darin. Da hatte jein ganzes Geficht etwas NRaubtierhaftes.
Das fahle Mondlicht jtand gerade auf jeinen Zügen und ließ fie noch jchreclicher erfcheinen.
Er jah aus wie ein morddurftiger Verbrecher, der gerade jein Opfer zerfleiichen will; und doch lag etwas von Verzweiflung in ihm, von tiefer Verzweiflung.
So Hatte er noch nie ausgejehen.
Uber der Zuftand ging bald vorüber, und er ſaß dann wieder ruhig und jtill entjchloffen biß zum Morgen... Am Sonntag Mittag war er in der Flicche.
Er jang mit lautem Munde die Choräle, und feine Stimme war männlich und ftarf, wie von einer großen Zuverficht erfüllt. Er war jehr andächtig, und des Pfarrer? Worte erjchienen ihm alle wie bejonders für ihn, den langen las, ausgeſucht. Er dachte an feine Sugendzeit und an feine große Sehnjucht; und er wurde ruhig im Herzen und fühlte, daß er ohne Sünde fei.
Als aber der Gottesdienft beendet war und er dem Pfarrer draußen vor der Klirchenthür noch einmal be- gegnete, da kam es Doch über ihn, und er glaubte, alles
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beichten zu müffen. Ein tiefer Drang wuchs in ihm auf, des Prieſters Hände zu faffen; aber er brachte es nicht über fich.
Der Paſtor jah ihn groß an; Klas fühlte fein Herz flopfen.
Dann war er allein.
Sie hatten Abjchied von einander genommen ....
Der Nachmittag brachte gutes Wetter.
Es war jehr heiß gemwejen, und nun machte fich eine leichte friſche Luftitrömung bemerkbar.
Das Meer leuchtete.
Klas Hatte feine alte Mutter groß angejchaut, ganz groß.
Das mar jein Abjchied.
Dann war er hinausgegangen......
Nun, da der Nachmittag zu Ende ging, trafen fich die beiden.
Elfriede war allein gefommen. In ihrem Geficht lag eine offene Freude auf die kommende Segelfahrt, umjomehr, da der Abend purpurn werden wollte. Gie dachte an jenen anderen Sonntag in feiner herrlichen Farbenpracht, und ftiller Jubel jchien fie zu erfüllen.
Klas war jehr ftilt.
Er jah einmal hinauf zum Himmel.
Da Hujchte ein Schatten über fein Geficht, der im Augenblic einer leuchtenden Zufriedenheit wich; und der lange Klas jah aus wie einer, dem fich eine neue Hoff- nung erfüllt.
Ganz in der Ferne hatten feine Augen einen leichten dunfeln Fleck gejchaut, der von einem bleichen grünlichen Licht umgeben war. Seine Augen fahen jcharf, und fie mußten, was das zu bedeuten Hatte.
Heute jollte ein Feiertag fein.....
Dann jtiegen die beiden ins Boot.
Klas ftieß vom Strande. Die Wellen gingen etwas unruhiger jet und trugen filberne Schaumfronen. Der Qufthauch wurde Fräftiger; man merkte fein jalziges
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Arom. Obgleich ihn die wunden Finger fchmerzten, zog Klas die Taue ftraff, daß der Wind voll in das Segel ſtrich und es mweihleuchtend aufbaufchte.
Sie ſchwammen hinaus. — — — — — — —
Der ganze Himmel glühte über dem Lande und ſtrömte fein Farbenfeuer aus. est erjt fühlte man eine drüdende Schwere der Luft, und der immer voller gehende Wind ließ fie die Schwüle noch mehr empfinden.
Das Boot ſchoß mövenjchnell durch die Wafjer, daß der Schaum an den Seiten Hoch aufiprigte und über die Planken jchlug. Die Wellen gingen höher und höher; fie hatten eine ganz dunfelblaue Farbe befommen, jo daß man das tiefe Rot des Himmel® nur noch im weißen perlenden Schaum mwiderglühen jah.
Die Sonne war jchon hinuntergefunfen.
Die Glut des Himmels wurde immer dunkler und purpurner, wie ganz dunkles leuchtende® Blut jah fie aus. |
Elfriede konnte fich eines leifen Schauerns nicht er- mehren; ihr bangte vor der Unruhe des Wafjerd. Aber das einzigartige Naturjchaufpiel bannte fie. Sie jaß jtil da und fchaute in die mächtige Purpurpracht, wie eine feuerumflofjene Heilige. Sie war doch eine Königin.
Dann fahen ihre Augen fern im Often eine ſchwarze Wand aufwachſen; und furz darauf fegte ein voller, heftiger Windftoß über die Wogen, daß ſich das Boot zur Seite bog und ſich mit Waſſer füllte.
Nun wurde Elfriede ängſtlich. Sie bat Klas, um- zufehren. Der aber that’3 nicht.
Kühn richtete er das Segel, daß der volle Wind fich darin fing. Der Maft neigte fich nach vorn, und in ftürmender Schnelligkeit flogen fie hinaus auf Die offene See.
Noch einmal flehte die Jungfrau. Da jtürzte Der lange Klas im Überſchwang jeiner LZeidenjchaft vor ihr nieder, preßte feinen Kopf tief in ihren Schoß und hielt ihre Beine feſt umflammert, al® ob er fie nicht lafjen
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wollte. Ein dumpfes, halb fieghaftes, halb verzmweifeltes Stöhnen entrang fich feiner Bruft; feine Glieder bebten.
Elfriede ſaß wie verjteinert da. Sie war wie ge- lähmt, jo unerwartet war ihr das Alles gekommen.
Stumm ftarrte fie auf den ſeltſamen Rieſen, der da vor ihr lag und das Haupt in ihren Schoß drückte. Sie verjtand ihn nicht, aber fie fühlte ihn und feine gewaltige Seele. Feſt hielt er fie umklammert mit feinen jehnigen Armen, die die Furcht nicht kannten; — und fie mußte, daß es das Ende fei.
Die Purpurglut des Himmels war über den beiden zujammengejunfen, und ihr Boot trieb führerlos hinaus ins offene Meer. Die Wellen gingen hoch und raujchten und brauften, ala ob fie der Reinheit der beiden Menſchen ein Lied fingen wollten, ein ewiges Lied. Und Die ihwarze Wolkenwand wuchs höher und höher.
E3 war eine wilde Nacht voll Regen und Wind und jchweren Wolfen. Tief wühlte der Sturm feine grollende Kraft in den Schoß der Waffer, als ob er fie durchtoben und an fich reißen molle; und die Blitze flammten unaufhörlich.
Endlich öffnete da8 Meer jeine ewigen Arme; und der Sturmwind fang ein dithyrambijches Hochzeitslied.
Cälar FHlaifchlen
Scyhattenfpiel — Profeffor Hardtmut
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Schattenſpiel
Eine Morgenwanderung
Und ſie zogen aus, als zu einem Mörder, mit Stangen und © wertern, ihn Ar faßen; — — Schri tgelehrte und Pharifäe
(Und er aß tägtid im Tempel bei ihnen und lehrete Ar
Nach Matthäi 26, 45.
. mich dünkt: es war immer fo! zu Zeiten Sokrates’ wie A Seiten Jeſu, zu
Dämmerige Nacht lag über dem Land. Es war mild, fait warm. Anfang Mai. Ein mächtiger Tau- fturm Hatte fich erhoben und wogte jeine Frühlingsjehn- jucht von den Bergen. Wie ein großer Dfterchoral donnerte er über die Gräber und rief zur Auferftehung.
Die Wälder bogen fich und redten fich und Frachten unter feinem Rütteln; jahrhundert-alte Eichen brachen zu Boden, und wie Rohr zerfnicdte vor ihm, was Dürr und morſch war und feine Kraft mehr zum Frühling hatte. Nur mas gejund und Stark und triebfähig, hielt ihm Stand. In der Tiefe des Himmels zudten wie verlöfchen-wollende Lichter die Sterne zwijchen den
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zerriffenen und zerreißenden Wolfen, die er wie Flaum über ung Ddahinfegte, lachend, als freue er fich, einmal aufräumen zu fünnen mit allem, was nicht niet- und nagelfeft war. Selbſt der Mond jchien Sorge zu haben, über den Haufen geblajen zu werden und verfroch fich hinter zujammenjtiebende Wolkenfegen. Die Erde bebte unter feinem Donner; aber e8 war nicht das Beben der Furcht; es war das Beben der Freude, denn er brachte die Erfüllung ihrer Sehnjucht.
Bon den Hängen fchwollen die Quellen mit lauten Gerieſel und die fahle, jeden Augenblick wechſelnde Be- feuchtung überrann alles mit phantaftifch-geipenftiichem Leben.
Bor den Gehöften und Häufern, an denen unſer Weg vorüberführte, ftanden dann und wann die Leute. Der Sturm Hatte fie von ihrem Schlaf aufgejagt, denn das leichte Balkenwerk ihrer Behaufungen erzitterte in allen Fugen unter feinen Stößen. Die Wetterhähne jchrieen von den Giebeln. Es pfiff und heulte. Thüren und Fenfter jprangen auf und fchlugen. Vom Dorf herüber Eangen die Gloden, angſtvoll, dumpf, drohend, wie wenn .......
Die Leute fagten: der Küfter fei es nicht, der fo läute! und blicten bleich und verftört, furchtſam und feig zum Himmel; und die Weiber beteten: der jüngfte Tag kommt! Die Welt geht unter! Herr Gott be- hüt’ ung! .
Nein, Mütterchen! Die Welt geht nicht unter! Noch lang nicht! Es wird nur endlich Frühling!
Frühling! und wenn's noch jo tobt!
Frühling! ja! ...
Und lachend zogen wir weiter und fangen und ließen uns den Taufturm in die Bruft wogen. Wir waren ja gewohnt, im Sturm zu fteh’n! Und fangen und jauchzten: Frühlingwärts! Morgen-zu! Gonn’- entgegen!
Sonn’entgegen! Frühlingsjonn’ entgegen!
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Das war e3 ja auch!
Wir mollten die Sonne einmal aufgeben jehen, und das Frühlingsdrängen in uns trieb uns ihr ent- gegen ... mit der ganzen Luſt unjeres Hoffen®, mit dem ganzen Glauben unjerer Jugend, mit der ganzen Jugend unjeres Glaubens!
Ein paar, denen bangte und die Furcht überfam vor all den lebendig werdenden Baumjtümpfen und Hohl- wegichatten, drehten um, ‚da fie fich nicht erfälten wollten in dem finnlojen Wetter‘, und verloren fich zurüd in ihren trübjeligen Alltag.
Wir andern aber zogen weiter durch Die prächtige Nacht und ihren jauchzenden Frühlingsfturm — und liegen ung, aufichauernd, fein Evangelium in die Seele donnern; das Evangelium des Morgenmwerden?.
Weit Hinter ung in qualmigem Nebelbrüten lag die Stadt und alles Mauerumgebene, Enge, Bejchränfte und Bejchränfende, die ganze dumpfe Leere und Schwere hungriger Altagspflicht und würgender Werktagsangit, und vor und, um ung, frei und freudig, mauerlos, weit und offen, voll2ebensdrang und Sonntagsglauben die jtern- überfladerte, fturmlodernde Erfüllung unſerer Sehnſucht.
Und wir jangen ihr Lied, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne in den donnernden Sturm und er trug es weiter über die Berge und von den Bergen in die Thäler und jauchzend rief das Echo es zurüd.
Wir famen durch Ortichaften und Höfe. Die Nacıt- mwächter fuhren aus ihrem Schlummer, ftolperten ung nad mit ihren Laternen: ftill zu fein und die Ruhe der Dörfer nicht zu ftören mit unferem -thörichten Gefange. Der Morgen käme von jelber, ohne unjer Gejchrei. Borderhand aber jei es noch Nacht und wir follten Die Leute jchlafen laffen. Schlaf jei etwas Heiliges!
Ya: Die Leute! Sie lagen und jchliefen! Anitatt auf zu fein in Glauben und Freude, anftatt der Sonne entgegenzumwachen, mit der doch kommt, wovon fie träumen und wonach fie fich jehnen,
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Es war immer heller geworden. Wir Hatten Die gerade Richtung verlaffen und erflommen einen Hügel— zug, der ins Thal auslief und von wo fich eine freiere Ausficht bot. Der Sturm Hatte fich allmählich auch gelegt, als ob er fich genug damit gethan, die Nacht gebrochen zu haben. Die Sterne verglommen. Der Mond verſchwamm in der Tiefe, wie das weiße Segel eine® am Horizont hinabtauchenden Bootes. Es war faft froftig geworden und fühle Schauer rannen durch die Luft. In den Thalbreiten zu unjeren Füßen lag alle in jchmugigem Nebel, wie tot, und an den Ab- hängen frochen und kletterten fcheue Dunjtflüge herum.
Bor und — jenjeits, überm Thal, ftand das Ge- birge. Sein Gipfelgrat zeichnete fich in harter, jcharfer Linie von dem filbergrauen, ſich nach und nach mit leifem Rot überhauchenden Grund des Himmels hinter ihm ab.
Da bemerkte ich auf einem der Berghäupter drüben etwas herumkrabbeln — jchwarze Geitalten, Menjchen, wirkliche Menjchen, nur infolge der Entfernung faum viel größer als Gullivers Liliputer, zwerghaft, mwunderlich. Es jah närriſch aus. So närrifch, wie jemand all der- gleichen vorfommen muß, der etwas nur fieht und nicht auch hört. So närriſch, wie einem QTauben vielleicht unfer ganzes eben, das ganze Treiben der Welt er- icheinen mag.
Als ob ich in einem Marionettentheater ſäße und einer niedlichen Bantomime zujähe.
Der helle Himmel hinter dem Gebirg bildete den weißen Vorhang und wie in einem Schattenjpiel hoben fich die Kerichen mit ihren Bewegungen gleich zierlichen Silhouetten auf dem lichten Hintergrund ab.
Ein richtiges Schattenfpiel ... der Nacht!
Der Kleinen Kerlchen aber wurden immer mehr, wie mir fchien, und als unter einem Windftoß der Nebel etwas verzog, erkannte ich, daß e3 darunter, in feinem Schuße, den ganzen Berg hinauf in hellen Haufen jtand.
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Sie zappelten und fuchtelten mit den Armen in der Quft herum und liefen und rannten in jeltjamer Haft und Unruhe hin und ber.
Dann fchien plößlich etwas 103 zu fein. Sie famen mit langen Stangen und Hafen, mit mächtigen Winden, Hafpeln und Kettencollen. Wieder andere jchleppten jich mit Leitern, die für ihre Größe ungeheuer waren, und es begann auf allen Punkten eine fait fieberhafte Geichäftigkeit. Die Erde wurde aufgegraben, der Fels— grund gejprengt und rieſige Pflüde darin veranfert. Dann jchmiedeten fie lange eijerne Ketten durch Die Ringe, und Drahtjeile und Taue, und verklammerten mit dieſen wieder die großen Leitern, die fie herauf- gejchleppt Hatten.
Hinter dem Gebirgsitocd aber wurde es immer heller und heller, wie brodelnder Giſcht dampfte es ab und zu empor. Doch je heller es wurde, um jo un- ruhiger und eiliger, um jo aufgeregter wurde das Ge— trippel und Gearbeite der Kleinen Schattenferichen.
ch unterjchied nun eine ganze Armee von Lands— fnechten mit Piken und Hellebarden, mit Morgenfternen und Donnerbüchſen. Sie hielten am Berg hinauf, in verjchiedene Fähnlein geteilt. Auf einer etwas tiefer gelegenen Kulm war eine ganze Batterie von Mörjern und Kanonen aufgefahren, als gelte es . . . Gott weiß was für eine Völferichlacht.
Die Leitern wurden aufgeitellt und ragten jenkrecht in die Luft und die ganze Gratlinie jtand voll von Leuten mit Stangen und Hafen, jo lang und jchwer, daß es immer ein ganz Häuflein zugleich bedurfte, fie zu regieren. |
Allmählich aber ahnte mir, was das alles bedeuten möchte.
sch lachte. |
‚Nein, Mütterhen! Die Welt gebt noch lang nicht unter! Keine Sorge! Es wird nur endlich Frühling!‘
Neuland, herausgeg. dv. C. Flaiſchlen 8
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Gott jei Dank!
E3 wird nur endlich Tag!
Nach jo langer, dumpfer Nacht!
Und wir ftimmten das Lied der Erfüllung an, das Lied des Morgens, das Lied der Sonne und ihres Auf- gang .. . und e3 braujte wie Orgelklang durch Die Stille, fiegverheißend, jubelnd und jauchzend!
Kühle Schauer rannen durch die Luft, während der Himmel drüben fi) mit roten Feuern überglutete, und unjere Schattenmännchen, gleich tagjcheuen dunklen Nachtgeijterchen, immer unruhiger, erregter und geitifu- lierender hin und her rannten.
Da:
Ein blendender Blitz zudt empor.
Mit purpurgoldener Flamme taucht der Sonnen- ball über die graue Kammlinie und ftrahlt ein loderndes Hallelujah über die Welt.
Tag! Tag! Tag!
Und Frühling! Frühling! —
Sm jelben Augenblid aber jchlugen die Kerlchen drüben die Widerhafen ihrer Stangen in den empor- jtrebenden Ball, um ihn feitzulegen. Andere warfen Die Leitern über ihn und Kletterten mit flinkjter Bionier- gejchicklichfeit darauf hinüber. Sie rollten lange Seile und Taue Hinter fich ab, rammten Pflöcke ein und ver- haften ihre Ketten daran, während die ganze Soldatesfa auf dem Berg in Bewegung fam und an den Dies- jeitigen Enden anpadte, die Sonne wieder in ihre Tiefe zu zwingen.
Wir lachten.
Aber immer neue Haufen rücdten an, mit immer längeren Stangen und Leitern und Ketten. |
Sie zerrten von den Berghängen große Wände herauf, Segelleinen oder was es war; Nebel? — fie zu verhängen und darunter zu erſticken.
Doch wie blauer Rauch zerrannen fie vor ihrem Licht.
Und die Sonne ftieg höher und höher über den
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Gebirgsgrat, ruhig, unbeiret ‚und unbefümmert und blendete immer lichter in die Welt. Was wollten ihr dieje Fliegen!?
Da griff die Feuerwehr in den Kampf ein; zmölf, zwanzig Schläuche zugleich ergofjen ihre Waſſerſtrahlen, von und aus gejehen jo dünn freilich, wie Spinnmweb- faden ... fie auszulöjchen und über den Horizont Hin- unterzujprigen.
Es zijchte ein wenig, das war alles.
Schon flammte die halbe Scheibe über den Kamm.
Da plöglich begann ein feines, zirpendes Gefnatter, wie wenn Sinderpiftölchen abgejchoffen würden; Die Landsknechte hatten mit ihren Donnerbüchjen losgelegt. Und von der jeitwärts gelegenen Kulm krachte Kanonen- jalve um Salve durch die majeftätiiche Bergrube.
Doch es zijchte nicht einmal darauf. Ruhig und unbefümmert jtieg die Sonne empor, höher und höher.
Immer neue Kettentaue aber wurden hinüber- geichleudert und von den Waghälfen drüben angepflodt. Immer neue Schübe Hletterten hinüber mit Hämmern und Klammern. Und an die Diesfeitigen Enden hängten fich ganze Knäuel, ihre Kraft und Stärfe zu meſſen.
Da — mit einem Male — war es doch, ala ob fie ſiegten.
Die Sonne ftand eine Spanne hoch über dem Grat und Hing wie ein Feflelballon in dem eijernen Netz, mit dem die Kerichen fie in wenig Minuten über- ſponnen hatten.
Sie war gefangen.
Ihr Aufatmen und Höherdrängen fpulte nur ein paar zu kurze fetten ab, die in die Luft jchnellten, die anderen zogen fich jtraff und ftraffer, aber fie hielten. E3 gab einen jefundenlangen Stillitand.
Die Schwarzen Männlein hatten gewonnen.
Und ſchon zerrte man wieder die Nebelmände von den Berghängen herauf und ſchon fuhr man allerlei jonderbare, mächtige Mafchinen herbei, die Gefettete
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herabzuminden, als es plößlich einen kaum merfbaren, leifen, zitternden Ruck that, der goldene Lichtwellen über das Thal warf.
Sie war wieder frei; und alles, was noch gehalten hatte bisher an Ketten, Klammern, Tauen, Seilen, Striden, Leitern, Stangen und Hafen, riß durch wie Baummollfaden, jchnellte hoch und die ganze Spldatesfa purzelte jählings über den Haufen und follerte in die Abgründe oder flog mitfamt ihren Ketten und Leitern und mitjamt der ganzen fchönen Verankerung Topfüber luſtig in Die Luft. Gleich einem Aſchenregen quirlte und riejelte e& über den Berg und putzte ihn jauber.
Wir lachten. Es war graufam — aber wir lachten: wie dieſe Sonnenjtürmer in ganzen Klümpchen an ihren Striden und Ketten zwijchen Himmel und Erde zappelten und wie tollgermordene Ameijen in Verzweiflung und Todesangit an ihren Leitern auf und ab mufelten. Zu helfen aber war doch nicht; und ...
Ein Teil der Unglüclichen fuchte fich durch kühnes Abjpringen zu retten. Es jah aus wie fchwarze, in in rote Feuer hüpfende Teufelchen!
Arme Schattenmännlein! Doch warum wagtet ihr euch an die Sonne!
Die anderen aber trug fie — lächelnd — höher und höher, big in der fteigenden Glut zuletzt auch die Ketten jchmolzen, die ihr noch überhingen und eine um die andere in den Abgrund klirrte, hinter dem Gebirg, und zu Stüden und Staub zeriplitterte. — — —
Und frei und makellos glomm die Sonne in die Höhe, in ſchweigender Glorie, groß und feierlich, heilig und herrlich, und loderte den Tag ins Thal und über die Welt und mit dem Tag den Frühling und mit dem Frühling die Erfüllung.
Die Menjchen jchliefen noch drunten. Gleich jcheuen Berbrechern aber flüchteten die legten Nebel und Schatten fich in ihre Schluchten und Klüfte. Lerchen ftiegen aus
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